5 Beobachtungen zur Nationalmannschaft in Russland und Ungarn

Russland – Deutschland 0:4
(Dazu in englisch zum Debut von Steffi Jones hier mehr)
Ungarn – Deutschland 0:1

Na, das war doch schon wieder so schwach, dass es hochinteressant war, was die Nationalelf da in Ungarn gespielt hat, bzw warum das so wenig überzeugend war.

1. Das System

Bei allen Systemen ist entscheidend, wie flexibel man sie mit Leben befüllt. Nicht, welche Zahl wo steht. Da scheinen viele Trainer und andere “Experten” aber eher die vielen Bäume vor lauter Wand durchzuzählen, damit 11 rauskommt, und dann zu meinen: das System entspricht jetzt ihrer Weltanschauung und musses jetzt sein. Es ist es grundsätzlich genausowenig wie es die inzwischen schon wieder fast völlig von der Bildfläche verschwundene Modekette war. Noch irgendwelche Spieler, die irgendwoher einkippen oder irgendwo abhängen wie zum Beispiel von der hängenden 9. Ein 4-2-3-1 und 4-4-2 zum Beispiel können sich wie ein Ei dem anderen ähneln, wenn eine Spitze sich oft fallenlässt oder der Gegner einen zurückdrängt.
Nicht anders ist das mit der guten alten Raute. Eine der ersten und ältesten Varianten des 4er Mittelfelds, und das, was man auch bei Olympia ab und zu am ehesten in die rockige Anordnung des deutschen Teams hineininterpretieren konnte. Die Raute ist weder ein Fehler noch ein Allheilmittel.
Wenn man irgendwo im Interview mitbekommt, dass eine Raute zentrums-orientiert sein soll, steigt allerdings das Interesse. Da braucht man kaum fünf Punkte auf einem Blatt Papier um zu erkennen, dass eine Doppel-6 hinter einer Dreierreihe im Mittelfeld, also das uralte Neid-sche 2-3 im Mittelfeld 2 von diesen 5 auf den Aussenpositionen vorsieht, und die Raute 2 von 4. Jetzt kann man googeln wer da mehr in der Mitte hat.

2. Das Zentrum

Wir haben bei einer Mittelfeld-Raute mit 4er Kette dahinter 4 von 8 Spielerinnen in diesem Defensivverbund eher den Aussenbereichen zugeordnet. Da kommt es umso mehr auf eine stimmig befüllte zentrale Achse an.
Probleme damit konnte man schon lange sehr plastisch am Beispiel  von Dzenifer Maroszan verfolgen. Wie Trainer und andere “Experten” die Gute oft verschätzen, und sie seit Jahren in der Mitte von hinten nach vorne und wieder zurück durchwechseln, weil sie jedesmal früher oder später erkennen, dass “irgendetwas” auf Sicht irgendwie dann nicht so richtig klappt.
Es gibt gar nicht so selten Spieler, die zwar technisch hochbegabt sind, aber eben leider dann weniger gut, ein komplexes Spiel zu lesen. Daher bringen sie insbesondere im Abwehrverbund eine ganze Mannschaft durcheinander, wenn sie dort zentrale Rollen übernehmen sollen aber dabei immer wieder nicht die richtigen Entscheidungen treffen. Wer das als verantwortlicher Trainer nicht erkennt, könnte sich Beratung hinzuziehen. Andernfalls sollten Spielerinnen bei solchen Trainern sich dringend nach eigenen taktischen Beratern umschauen.
Ähnlich liegt der Fall bei Anja Mittag. Wer die unter Normalumständen in einer Raute auf die offensive Position stellt, ist wohl auch nicht schlecht beraten, noch weitere Berater hinzuzuziehen. Könnte ein ebenso gravierendes taktisches Verständnisproblem darstellen. Mittag ist eine clevere und technisch beschlagene Goalgetterin, die stark ist, wenn sie sich auf eine Abschlussaktion konzentrieren kann. Bei allen anderen komplexeren Aufgaben davor hatte man sie bisher egal wo und wann mit sehr grosser Konstanz eher im Gesamtbild wesentlich weniger erfolgreich agieren gesehen. Vergleichbar man hätte den unvergleichbaren Gerd Müller auf die “10” beordert.
Bedauerlich für beide, dass sie ihr vorhandenes Leistungspotential oft nicht voll ausschöpfen können, weil sie – so sieht es zumindest wohl aus – auch noch nicht auf Trainer oder Berater getroffen sind, die ihnen dieses Problem hinreichend klar machen konnten. Und daher gehen sie diese für sie negativen Rollen an, ohne von vornherein mehr in Richtung ihrer Stärken auszuweichen. Man kann so ein Problem bei sich selber allerdings leider auch nicht richtig erkennen.

Neben einer taktisch eher unfunktionellen “10” (offensive zentrale Mittelfeldposition), was eine Raute natürlich schon einmal ziemlich abflacht, kam aber auch noch eine unpassende “6” (defensive zentrale Mittelfeldposition) dazu. Bei Kristin Demann darf man hoffen, dass sie aufgrund ihres Alters noch zulernfähig ist. Für Hoffenheim passt die Rolle immerhin etwas besser: Wenn man als 6 nur im Notfall den Bereich des Mittelkreises verlässt, und den Mitspielerinnen Sicherheit gibt, in dem man den Spielaufbau aus der eigenen Hälfte über diesen Bereich sehr ballsicher organisiert. Nur bringt das in einer überlegenen Nationalmannschaft genau das, was ziemlich überflüssig ist: Eine Sicherheit am Mittelkreis, aber keinen Angriffsdruck und schon gar keine Torchancen. Leider ist es dann sogar kontraproduktiv. Die zusätzliche Sicherheit am Mittelkreis verlangsamt den Spielaufbau.

Da könnten die uralten Stammtischsprüche schon passen. Zwar wäre meine Oma nicht wirklich besser gewesen, aber mit Lisa Weiss sowohl als 10 als auch als 6 wäre das Spiel der Mannschaft besser gelaufen, weil sie zumindest keinen Behinderungsfaktor abgegeben hätte, ähnlich einem Ruderboot, indem 2 aus Versehen in eine andere Richtung rudern.

Das fällt natürlich alles nicht so ins Gewicht, wenn die anderen Positionen individuell so überlegen sind, dass man trotzdem genug Chancen herausspielt, wie sonst eben früher oft bei “gross” gegen “klein”. Nun wird aber klein besser, und gross muss für solche Fehler dann büssen. Selbst in der N11 gegen Ungarn. Sehr schön.

Zwar spürte man im Zentrum kein Loch in der Defensive, weil die Mannschaft ja insgesamt immer noch überlegen war, aber es gab eben keine flüssigen Ballstafetten in der gegnerischen Hälfte über die Mitte. Und die Aussenspielerinnen, wer auch immer da nach vorne lief hatte relativ wenig Unterstützung und Abspielmöglichkeiten in die Mitte und alles Offensive wirkte weitestgehend bestenfalls Bruchstückhaft und konnte daher scheinbar furchtbar leicht abgefangen werden.

3. Die “Neuen”

Linda Dallmann hat in Russland zu den Auffälligen gehört obwohl da auch die Anbindung ans Spiel phasenweise verbesserungsfähig war. Und sie unternahm auch in Ungarn nach der Halbzeit auffallend mehr und konnte auch ansatzweise Zusammenspiel anleiern bzw sich im engen Mittelbereich dafür ausreichend gut am Ball behaupten. Wenn allerdings der Faden einmal verloren ist, ist er nicht einfach wiederaufzunehmen. Sieht man zB auch, wenn ein 4:0 noch 4:4 endet. Die Aussenspielerinnen zum Beispiel werden irgendwann einmal unsicher, ob und wann sich das mitgehen lohnt, wenn sie nicht wissen, ob und wann man jemand zum Spielen findet. Und reagieren als Folge dann eben eher vorsichtiger und halten sich zurück. Was dann wie ein Pingpong Effekt wieder auf die Mitte zurückwirkt, weil die sich dann ihrerseits ebenfalls noch weiter zurückhält. Das ist schwer aufzuhalten, wenn es einmal begonnen hat.

Und das alles lässt dann natürlich auch den Sturm in der Luft hängen. Allerdings kein Grund, es dann gleich so uninspiriert aussehen zu lassen. ZB nicht verstärkten Laufeinsatz zu zeigen. Wobei der Laufeinsatz von Lena Petermann teilweise ok war. Aber auch sie eine Spielerin, die clever sich bietende Situationen erkennt und ausnutzt. Aber um individuell oder im Kombinationsspiel Abwehrspielerinnen zu überwinden, fehlt zur N11-Eignung doch noch ein wenig an Training, auch wenn das schon besser wurde. Beide Sturmspitzen hingen sehr in der Luft, hatten aber auch unnötige Ballverluste, wenn sie dann schon einmal an den Ball kamen.

Hasret Kayikci ist das erstemal, als man sie sah (2014? in Wolfsburg), überhaupt nur durch fleissiges nimmermüdes Laufen aufgefallen. Sie sah da technisch eher sogar limitiert aus. Heute weiss man, dass sie technisch eine der Besten der Liga ist, und das damals wohl eher am Übereifer und der Nervosität lag. Vielleicht auch daran, dass sie oft zu erschöpft war, wenn sie dann den Ball bekam. Leider, leider ist auch da weder sie selbst, noch einer ihrer Trainer bisher in der Lage gewesen, ihr einen guten Teil dieser Spielweise beizubehalten. Im Spiel gegen Ungarn konnte man schon gut aussehen, wenn man sich wenigstens nur um seinen Platz in der N11 die Lunge aus dem Hals gerannt hätte. Erst Recht Schade, wenn man das für einen Stammplatz beim SC Freiburg einst schon gekonnt hat. Hoffentlich findet sie sonst jemand, der ihr das klarmachen kann, und es wieder besser wird. Denn auch die Laufleistung beim Spiel in München war leider schon nicht vergleichbar mit dem einst so fleissigen Auftritten im Trikot des SC Freiburg. Aber sie hatte vor einem Jahr noch nicht einmal einen festen Stammplatz beim SC Freiburg und wir erinnern uns an unsere Verwunderung als sie in Wolfsburg zB nicht spielte. Insofern sind das nun Rückschläge, die aber auf einem inzwischen höheren Niveau auch dazugehören und verarbeitet und hoffentlich korrigiert werden.

Jacqueline Klasen war auch vor noch nicht allzu langer Zeit noch keine feste Startelf-Spielerin in Essen. Sie dürfte aber in den letzten Jahren signifikant öfter gegen den Ball getreten haben als zuvor und hat dadurch Ballgefühl und Anzahl der Bewegungsabläufe dazu steigern können. Allerdings ist N11 doch noch einmal eine andere Herausforderung und auch im besten Viertel der AVs in der Buli zu sein, reicht vielleicht noch nicht ganz. Hoffentlich gibt ihr die Einladung weiter Auftrieb. Um da nicht nur für Spezialfälle ein Alternative zu sein wäre ihr zu wünschen, dass sie das defensive Stellungsspiel verfeinert und vor allem das taktische Geschick, enge Situationen mit hoher technischer Anforderung zu meiden, aber offene Räume noch energischer zu suchen um dort die Beschleunigungsvorteile noch stärker auszuspielen. Dann kann das schon noch werden.

4. Gewinner und Verlierer

Bei schlechten Spielen sind natürlich immer die die Gewinner, die nicht dabei waren. Die erste Halbzeit gegen Russland war aber auch alles andere als schlecht. Wenn man den “Neuen” attestieren muss, dass sie auch keine Bäume ausgerissen haben, so muss das natürlich noch mehr für die älteren “Platzhirsche” gelten. Die haben nämlich nicht den Bonus, sich erst einmal an das andere Klima oder die Nerven gewöhnen zu müssen. Und von daher muss man eher erwarten, ein schlingerndes Schiff auf Kurs zu bringen. Da das nicht geklappt hat, muss man konsequenterweise eher auch bei denen aussortieren, und den “Neueren” eine zweite Chance geben. Die sollten sie dann aber auch teilweise entschlossener angehen. Aber eigentlich haben eher die enttäuscht, die schon länger als Ersatz dabei sind, und nun gefordert waren.
Auf der rechten Seite hat Sarah Doorsoun zumindest auffällig mehr versucht, als Tabea Kemme auf der anderen Seite, die allerdings sehr zurückhaltend wirkte. Und für die Innenverteidigung hatten wir in diesem Artikel schon einmal Lösungen skizziert.
Man sollte aber auch immer schön die Kirche im Dorf lassen. Sicher war das Spiel gegen Ungarn extrem schwach. Dafür aber auch das Spiel in Russland besser als das Heimspiel – und das ohne einige “Stammkräfte”. Und deswegen sagt auch niemand, man solle nun besser auf diese Stammkräfte verzichten, die in Russland nicht dabei waren, und auf dieser Mannschaft dann weiter aufbauen.
Solche Spiele bleiben hinsichtlich Spieler-Einzelleistungen immer nur sehr begrenzt aussagekräftig. Wer in einem Spiel gegen Ungarn oder Russland gut aussieht, muss das noch lange nicht auch gegen hochklassigere Gegner, und die Defensive konnte in ihrer Defensivleistung natürlich auch nahezu überhaupt nicht sinnvoll bewertet werden. Da hätte uns Klasen schon auch sehr interessiert. Aber wir sehen sie hoffentlich im Spiel in Potsdam bald wieder und hoffentlich mit grosser Unternehmungslust.

5. Fazit

Aus den Spielen lässt sich eher als Einzelaussagen ableiten, dass taktische Grundlagenmängel inzwischen eben selbst gegen die Kleinen immer eher aufgedeckt werden, da mittlerweile wohl auch fast alle Ungarinnen N11-Spielerinnen täglich trainieren. Und dass der Weg zum Erfolg bei den olympischen Spielen (Voller Fokus auf “Spiel gegen den Ball”) nicht für immer mit dem dafür nötigen Glück behaftet bleibt, ist klar. Insofern muss man sowieso versuchen, diese Taktik früher oder später zu wechseln.
Mit zunehmendem individuellem Niveau der Konkurrenz wird die Mannschaftstaktik immer wichtiger. Wenn nicht ein Rad ins andere greift, und man in der N11 ähnlich vielen bisherigen Top-Club Mannschaften, die Leistung der Gesamtmannschaft nicht mehr ergibt als die Summe der Einzelspielerinnen, wird man bald grössere Enttäuschungen erleben. Das ging bisher auf N11 Ebene meist aufgrund des individuellen Leistungsvorsprungs gerade noch gut, wird aber zunehmend problemtischer.
Wer nach dem Spiel in Russland schon gehofft hatte, man würde da die richtigen Konsequenzen ziehen, sah aber in Ungarn keinen Fortschritt. Hoffentlich nutzt die neue Bundestrainerin die nächste Zeit, da Optimierungen unterzubringen. Das wird für den Erfolg der nächsten EM ein sehr wichtiger Punkt.

 

 

 

 

 

 

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