AFBL Nachbetrachtung 5. Spieltag

Das TV-live-Spiel:

Turbine Potsdam – SGS Essen 2:0 (1:0)
Erst einmal tief durchatmen war angesagt. Und dann einmal mehr nach Erklärungsalternativen suchen. Irgendwie kommt man zeitweise nicht leicht darum herum, den Mantel des Schräg-Komischen über die Darbietungen zu ziehen. Nun wurde also leider schon wieder ganz tief in die Kiste gegriffen: Das scheinbare endlose Thema? Es war erst vor wenigen Wochen das letzte Mal aufgegriffen worden. Da waren wir positiv überrascht worden von der SGS Essen, dass man nach dem Spiel in Duisburg direkt die Abwehrprobleme ansprach.

Hatten aber auch befürchtet, dass es von der Erkenntnis zur Beseitigung derselben eben leider auch noch einmal ein nicht einfacher Schritt ist. Und so haben wir wieder die gleiche Story wie seit Jahren. Da lernt man schon, Geduld zu üben. Ein bisschen herumlaborieren – um es positiv zu sagen. Dann scheint es 2 Spiele einigermassen zu klappen. Und dann wieder nicht, war vielleicht doch nicht die richtige Lösung. Und alles wieder von vorne. Ähnlichkeiten mit einer Menge anderer Vereine und Nationalmannschaften sind aber in diesem Fall vielleicht auch nicht rein zufällig.

(Anmerkung: Wir lassen ja bevorzugt einige Zeit vergehen und überlegen dann beim Durchlesen der ersten Fassung weiter. Normalerweise arbeiten wir das dann ein. An dieser Stelle ist das jetzt aber zu viel, und wir wollen uns in einem gesonderten Artikel einmal damit beschäftigen, warum es denn so schwer sein könnte, die Probleme zwar zu sehen, aber nicht geregelt zu bekommen)

Erinnern wir uns an den Reporter von sport1, der sich wirklich auch recht gut auskennt in der Frauenfussballlandschaft, und das auch schwungvoll herüberbringt. Wenige Minuten vor der spielentscheidenden Szene hatte er da schon lobend erwähnt, dass diesmal Vanessa Martini mit einer feinen akrobatischen Grätsche in letzter Millisekunde Svenja Huth in die Parade gefahren war. Fanden wir athletisch gesehen auch gut.
Aber wir richten auch gerne als Mehrwert-Info die Aufmerksamkeit darauf, dass schon dieses Tackling ziemlich knäpplich war, und zwar so knapp, dass man als Spieler – weil es auch noch einen Gegner gibt der mitspielen muss – kaum noch berechnen kann, ob es noch reicht, oder man eine bunte Karte sieht.
Allerdings sah wohl weder der Reporter, noch die Spielerin, noch der Trainer, dass das Schicksal da noch einen feundlichen letzten Hinweis parat hielt, um die Essener Löcherschmiede zu warnen. Man kann ein schönes Tackling loben und gleichzeitig erkennen, dass Stellungsspiel und Fehleinschätzung der Situation der Essener Löcherabwehr schon in der Anfangsphase wieder alle Ehre machten.

5 Minuten später sollte für Essen das Spiel nach genau dem gleichen Muster im Prinzip gelaufen sein und für Turbine gegessen. Diesmal war es rot. Man hatte wohl leider den letzten Schicksals-Zaunpfahl auch nicht verstanden.

Wenn das einmal vorkommt, ok; wenn das 3 Mal vorkommt, ein bisschen viel, aber ok; Wenn man 3 Jahre dauernd immer wieder sieht, wie es niemand abgestellt bekommt, möchte man zwar irgendwann nicht mehr, übt sich aber eben doch in Zurückhaltung und Geduld. Natürlich will damit niemand absichtlich Zuschauer ärgern und damit letzlich auch vertreiben. Billigend in Kauf nehmen tun aber genau das im Frauenfussball trotzdem viele, freilich wohl leider ohne es zu merken.

Wer es verpasst hat: Hier gab es in der coaches corner einmal etwas ausführlicheres zur SGS Essen. Auch da hatten wir darüber geschrieben. Eine kleine positive Anmerkung können wir uns aber doch nicht verkneifen. In Duisburg hatte das alles ja noch den “Vorteil”, so schlecht gewesen zu sein, dass die Abwehr die Stürmerin gleich ganz alleine laufen liess, und gar nicht knapp genug dran war, ein rote-Karte-Foul einzusammeln. Von der Seite her gesehen, kommt man der Lösung also schon ein Stück näher. Das sah allerdings schon gefühlte hundert Mal so aus.
Bleibt es also die ewige Frage, ob die sympatischen Trainer keine fachmännische Beratung hinzuziehen, bzw die die man einholt, eben oft nicht hilft? Wobei es genauso erschreckt, dass eine solche Menge von Spielerinnen das leider ersatzweise auch nicht eigenständig hinbekommt.
Hat sich generell die Lernbereitschaft im Fussball vielleicht verringert, fragen wir uns? Könnte eine Ursache des Problems sein. Man hört oft überaus löbliche Worte über die Lernbegeisterung der Spielerinnen. Aber man fragt sich, wie das mit der Wahrheit, die man wahrnimmt, und die bekanntlich im Fussball auf dem Platz ist, zusammenpasst. Die lernen doch hoffentlich nicht das Falsche? Fragen wir uns aber auch nicht zum erstenmal. Und erinnern uns wieder an die legendären Worte einer Bundesligaspielerin die nach einem 1:4 stolz darauf war, mit ihrer Mannschaft ausgekontert worden zu sein.

Aber man möchte ja gerne das schöne am Frauenfussball sehen. Und da waren unter anderem 2 wirklich schöne Tore. Elise Kellond-Knight war ja zur WM in irgendwelche WM-Mannschaften gewählt worden, vielleicht auch eher mit dem üblichen “Fachverstand” eines technischen “Beraterstabs”, den man in Essen auch vielleicht eher weniger zur Lösung der Abwehrprobleme befragen sollte. Allerdings hat sie dennoch auch manchmal tolle Fähigkeiten zeigen können. Und darf gerne noch mehr solche Tore schiessen. Schien sichtlich gut für ihr Selbstvertrauen und ihr Spiel. Man gönnt es ihr.

Und auch sonst zeigte sich allgemein, dass die fussballerische Klasse durchaus zu mehr reichen würde. Essen wehrte sich in Unterzahl ziemlich lauffreudig und im Mittelfeld auch weniger schlampig als ganz hinten. Aber spielerisch limitiert. Immerhin fehlte da dann auch noch Doorsoun, die nach hinten ging, neben Dallmann und dem Mann weniger. Und da waren dann Chancen natürlich rar gesät und so richtig glaubte man an ein Tor nur noch selten gegen eine bis auf ein paar allerdings auch überflüssige Aussetzer souveräne Überzahl-Abwehr. Potsdam aber besitzt aktuell auch nicht mehr das spielerische Potential, die sich durch die Überzahl bietenden Löcher wirkungsvoller auszuspielen. Da ist nicht sonderlich schwer sich vorzustellen, wie schwer man sich gegen Defensiv-Taktiken tut, die kaum Löcher offenlassen.

Ansonsten war die Einwechslung einer Spielerin 12 Minuten vor Schluss, die irgendwie zuvor dem Vernehmen nach wegen Krankheit nicht einsatzfähig war, auch wieder ein unterhaltsames Stück aus dem Kuriositätenkabinett. Vielleicht ist auch die Ersatz-Einsatzprämie signifikant höher als die Bankspieler-Prämie und als kleines Krankheits-Trostpflaster gedacht gewesen? Oder hat der beratende Arzt gesagt, sie kann 12 Minuten spielen, aber keine 30? Oder ist sie während des Spiels gesunder geworden?
Und Sarah Freutel konnte wie fast immer – neben ihrer nach wie vor immer noch unterhaltsamen Einwurftechnik – zeigen, dass sie zumindest zu den guten Aussenbahnspielerinnen der Liga gehört. Auch Irini Ioannidou diesmal kein Risiko. Und beide Flügel wurden von der Essener Abwehr weitgehend beherrscht. Untypisch für ein Ünterzahlspiel, aber eben auch dadurch begünstigt, dass eben wie erwähnt Turbine nicht gut genug ausspielte. Und schön war auch die Leistung von Manjou Wilde. Gemessen daran, dass sie in Freiburg gar keine, und in Bremen auch keine sehr auffällige Rolle spielte darf man vielleicht hoffen, sie bekommt doch noch einmal die Kurve. Weiter so!

Bei Turbine war man am oberen Leistungsende hauptsächlich auf die Entwicklung von Johanna Elsig und Bianca Schmidt gespannt. Schön, dass nun auch Lia Wälti wieder zurück ist. Und wichtig. Aber wie wichtig? Schliesslich lief es bisher ohne sie so gut. Kein Zufall ist das, und nicht leicht zu managen. Der Trainer, dem man hoffentlich anmerkt, dass er etwas “vernünftiges gelernt” hat, hat da eventuell eine nicht ganz so einfache Aufgabe: Die erfolgreiche Formation zu ändern. Mal sehen, wie er das angeht. Aber es ist natürlich auch gut zu sehen, dass Turbine es nun im Gegensatz zu früher als eine der wenigen Mannschaften versteht, sogar mehr zu sein als die Summe der 11 Teile. Chapeau. Ein Mittelfeld aus Lindner – Kellond – Zadrazil – Aigbogun. Sicher keine schlechten Spielerinnen, aber mein lieber Mann, damit muss man erst einmal so viele Spiele gewinnen. Behringer – Leupolz – Faisst – Däbritz hört sich von den Einzelspielerinnen jetzt im ersten Moment zumindest bekannter an.

Bianca Schmidt ist interessant anzuschauen. Die einstigen grossen athletischen Vorteile sind wohl noch notfalls da. Allerdings kaum wahrnehmbar, weil sie inzwischen stattdessen versucht, sie durch Erfahrung und Auge zu ersetzen. Gerade als man wieder einmal die weiten freien Flächen in der Essener Hälfte sah und sich dachte, ja wenn Turbine jetzt die spielerischen Mittel besässe … da kam die Ex-Athletin Schmidt und machte genau das. Freien Raum sehen und nutzen – Kopf obenlassen – Pass einlegen. 2:0 Huth. Mehr oder weniger aus dem Stand noch besser, als einige N11 Kandidatinnen? Fehlt die alte Dynamik aus Vorsicht, oder weil es momentan nicht mehr geht? Die Hoffnungen wurden leicht gedämpft, weil sich in den letzten 4 Wochen leider nichts geändert hat. Aber immerhin scheint es ja hoffentlich stabil weiterzugehen. Nur Geduld.
Und so ist das auch bei Johanna Elsig. Das mit aus dem Stand besser. Wobei die aber am Ende einen völlig erschöpften Eindruck machte und auch sonst in Hz2 nach nachlassenden Kräften aussah. Auch kränklich? Oder mehr Athletiktraining nötig? Auch da war in Sachen Mobilität und Spritzigkeit jedenfalls der erhoffte Vorwärtsschritt nach Spiel 5 noch nicht zu sehen. Aber auch da wird man bald sehen, ob sie zu Recht (noch?) in der N11 fehlt.

Vorausschau:

Noch nicht zu viel Grund viel zu ändern an der Einschätzung der Lage vor der Saison. Im Grossen und Ganzen verläuft sich alles wie erwartet.
Bayern haben wir allerdings inzwischen nicht mehr als Favorit.
Die nach dem Wolfsburg-Spiel erwartete Verbesserung im Defensivverhalten ist zwar eingetreten. Aber der Angriff lahmt wohl immer noch mehr, als befürchtet. In den CL-Spielen war noch kaum ein Versuch auszumachen, irgendetwas an der Spielanlage sinnvoll zu ändern. Es sieht eher danach aus, als würden relativ nach der auch bereits beschriebenen Methode Versuch und Irrtum eben alle mal durchprobiert, ob das vielleicht irgendwie hilft. Kommt einem bekannt vor. Und zieht sich. Nun also 5 Spiele oder siebeneinhalb Stunden. Aus dem Spiel heraus 2 Miedema-Tore. Immerhin hat man aufgehört sich selbst Mut zuzureden, dass man ja genug Chancen hatte… Aber zwischen Erkenntnis und Besserung …
Wolfsburg dagegen optimiert immerhin am alten System. Pressing und Zweitball-Eroberung waren in Chelsea sehr gut, auch wenn geholfen hat, dass die da natürlich freundlichst Support geleistet haben. Fussballtaktische Antihelden gibt es auch anderswo. Es wird für den VfL eben gegen defensivere Gegner öfter ein Problem geben, wenn man die nicht ausspielt, sondern zu Fehlern zu zwingen versucht. Aber wenn das gut gemacht wird, ist es sicher besser, als was Bayern derzeit anzubieten hat. Und es ist natürlich auch ein Stück weit Pech mit dabei, dass da nicht schon häufiger der Knoten im Spiel früher geplatzt ist, und ein komfortables Ergebnis zustandegekommen (wie in Chelsea). Auch das wird es aber auch in der Bundesliga geben. Allerdings ist es auch typisch für ein “professionelles” Team mit hoherBelastung, dann nicht im Überschwang weiterzupressen, sondern der Erderwärmung dadurch vorzubeugen, dass man so früh wie möglich die eigenen Co2-Emissionen einschränkt. Übrigens war passenderweise der bisher einzige Hurra-Sieg seit Jahren auch beispielhafterweise an einem ersten Spieltag zustandegekommen. Dann, wenn die Freude auf das Spiel am grössten ist, und die Belastung einen noch nicht an Economy-Modus denken lässt.
Auch bzgl Caro Hansen hatten wir zuvor schon kurz in die Zukunft geschaut. Weil Pressen und Zweitbälle natürlich zwar nicht Gift für sie sind, aber auch keine Spielweise, in der sie zu den Guten gehört. Da ist eher wuchtige Kampfmaschine angesagt. Also passt sie nicht mehr. Erfahrene Trainer kennen die Wahrscheinlichkeit, und sind nicht überrascht, was dann passiert. Was der unbebloggte Fan als “Formverlust” abhakt, ist der Versuch, es besonders gut zu machen, und dabei immer mehr zu verkrampfen. Natürlich geht das in Wellen, und es gibt Phasen, da schiesst man zwischendurch ein paar Tore. Aber meist ist die beste Lösung, zügig zu wechseln statt sich gegenseitig mit unpassender Spielanlage zu quälen. Hilft der Spielerin und dem Club.

Der SC Sand scheint sich ebenfalls auf den in der Vorschau befürchteten Pfaden zu bewegen. Die Nachwirkungen der Fischinger-Ära sind noch zu spüren. Aber Trainer Bell kramt ohne Analyse-Berater leider anscheinend doch eher seinen ureigenen Defensiv-Stil wieder aus. Könnte dann früher oder später doch nicht zum Kampf um Platz 3-5 reichen, obwohl man nicht vergessen darf, dass von nun an die einfacheren Spiele kommen. Die entscheidende Frage, wie man sich dann gegen die Mitkonkurrenten im Toreschiessen anstellt. Vielleicht klappt es. Aber da ist auch Enttäuschungspotential vorhanden, von dem wir ausgehen. Und sei es nur, um uns einmal wieder positiv überraschen zu lassen.
Turbine Potsdam hatten wir ja erholt erwartet. Allerdings nicht so. Also ohne herausragende Schmidt und Elsig und ohne Wälti. Zeigt allerdings einmal mehr die relativ negative derzeitige Entwicklung der Liga. Und man mag immer noch nicht daran glauben, aber sollte man wirklich komplett ausschliessen, dass anstelle von Wolfsburg letzte Saison nun auch die bisher einzig so stabilen Bayern da auch noch eine Türe im Kampf um Platz 2 aufhalten? Das hätte man sich vor 2 Jahren auch nicht träumen lassen, dass die einstigen Rivalen im Kampf um den abgeschlagenen ersten Rest-Platz hinter den grossen Vier wie Essen und Freiburg nun eventuell sogar mit Turbine um einen CL-Platz kämfen könnten. Hätte man schon, wenn die ihr Potential ausspielen. Allerdings nicht so.
Und bei Freiburg soll das jetzt wohl Giulia Gwinn richten. Oder besser gesagt, muss es anscheinend. Eine 17 jährige spielen zu lassen, die gerade ein paar Tage Pause hatte, aus einer anderen Klimazone kommt, und davor 4 WM-Spiele in 10 Tagen absolviert hat, landet, und dann direkt in den nächsten Flieger gepackt wird.
War vielleicht ein entscheidendes Schicksalspiel in Gladbach, wo es auf jedes Detail ankommt. Wir wundern uns ja sowieso schon über nicht mehr viel in der Frauen-Bundesliga und darüberhinaus. Wer gedacht hatte, das passt eher zum Millionenzirkus Männerbundesliga, ist auf dem Holzweg. Man kennt aber den Jugendtrainer, dem die Entwicklung junger Talente auf deutsch gesagt scheissegal ist, wenn es darum geht, dem eigenen Ego einen Titel der eigenen Mannschaft hinzuzufügen. Wir denken aber, dass es das bei Freiburg nicht ist. Da geht es ja auch nicht um den Titel.
Manchmal haut aber selbst hartgesottene Nicht-mehr-viel-Erwarter um, wie schlecht man eigentlich noch beraten sein kann.

Neben den traurigen Entwicklungen gibt es aber auch positive Aspekte. Beim USV Jena sieht es danach aus, als könnte da sogar auch ein echtes Team auf dem Platz stehen, das auch mehr ist als 11 Einzelteile. Zwar weiss man die Auswahl der Starterinnen nicht recht einzuschätzen, aber man ist doch froh zu sehen, dass Jena trotz gegangener Iva Landeka nun auch mit gesperrter Lucie Vonkova und Verletzten Patricia Hanebeck und Ivana Rudelic trotzdem noch so gut in Frankfurt mithalten kann. Aber es ist natürlich frustrierend, wenn man dauernd Punktverluste einfährt, die eigentlich nicht sein müssten. Würde man aber gerne einmal genauer im TV sehen, wie das in Jena funktioniert. Gibt es zum Glück bald.

 

 

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