2017 Start zur Frauen Fussball Bundesliga Rückrunde – die Spitze

Spannender als je zuvor?

Kommt natürlich immer auf den persönlichen Blickwinkel an. Aber einiges spricht wohl dafür.
Zwar nicht unbedingt nur ein Beispiel für planvolle Weiterentwicklung – Aber gerade daher interessant.
Und einzigartig. So soll das eigentlich ja auch sein.

Schiesst Geld wieder keine Tore?

Die zentrale Frage bleibt, wie man es hinbekommen kann, trotz erdrückender finanzieller Überlegenheit so steigerungsfähig abzuschneiden wie der VfL Wolfsburg und Bayern München. Während man absolute Weltklasse-Spielerinnen wie Vero Boquete und Ramona Bachmann für zu leicht befindet – schafft man es trotzdem, sich punktemaessig in der Gegend von Freiburg und Essen aufzuhalten – und gar von Turbine Potsdam nur die Rücklichter gezeigt zu bekommen. Dabei müssen die alle zusammen auf deutsch gesagt mit dem Vorlieb nehmen, was ihnen Bayern und Wolfsburg nicht an Spielerinnen wegholt, wenn sie nicht gerade international angeln gehen. Immer noch faszinierend und spannend, obwohl man sich ja bereits stark daran gewöhnt hat.
Warum sollte es im Sport auch besser sein als anderswo. Die Entwicklung, selbst haarsträubende Ausreden zu verwenden, und alle möglichen und unmöglichen Ursachen von ausserhalb ins Feld zu führen, sich aber selber höchstens alibimaessig an die eigene Nase zu fassen, hat Hochkonjunktur. Vielleicht auch selber Schuld, wer nicht mitmacht.

Aber es steigert natürlich die Spannung ungemein, zu sehen, wie es weitergeht. Und weil die Ungezwungenheit im Umgang mit den wahren Erkenntnissen zunimmt, lässt sich vielleicht auch nirgendwo absehen, wie es weitergeht.

Turbine oder nicht Turbine – das ist die Frage

Aber es gibt ja noch die Tabelle. Die lügt bekanntlich nicht. Aber sagt sie auch die Wahrheit? Am Ende wird sie zumindest die Wahrheit sagen über den deutschen Meister 2017. Und der souveräne Herbstmeister heisst Turbine Potsdam.
Muss man nun aber auch da befürchten, dass die Erfolgsserie eher zufällig zustandekam und die Dominanz genauso schnell verschwinden kann, wie die vom 1.FFC  Frankfurt im Winter 2015 oder die der Bayern nach der letzten Saison?

Nein und Ja. Dass sie genauso zufällig zustandekam darf man als eher unwahrscheinlich ansehen. Schliesslich spielen hier nicht überragende Einzelspielerinnen zufällig so zusammengewürfelt, dass es soweit passt, dass sie ihre individuelle Klasse hinreichend gut zum Einsatz bringen können.
Dass es aber auch schnell in die andere Richtung gehen kann, ist schon ganz anderen passiert.
Wobei es durchaus interessant sein könnte zu fragen, ob in Frauenmannschaften die allgemeine Stimmungslage mehr ausschlaggebend ist, als bei Männern. Dass das einen Teil der suboptimalen Leistungen von Wolfsburg und Bayern zu erklärt hilft, wäre schon gut möglich. Ob da generell ein Geschlechterunterschied ist, wird man irgendwann vielleicht einmal erforscht haben. Geschlechterübergreifend sind aber wohl generell eher diejenigen Mannschaften stimmungsabhängiger, die über weniger routinierte, erfahrene und gefestigte Spieler verfügen. Wie zum Beispiel auch Jugendmannschaften gegenüber Senioren.

Die Rückrunde wird sicher weiteres interessantes Anschauungsmaterial für diese Phänomäne liefern.
Und man verfolgt Leicester City FC. Bekanntlich letzte Saison völlig überraschend englischer Meister geworden, mit einem insgesamt nur wenig überdurchschnittlichen Spielerdecke, nachdem man die Jahre zuvor immer eher gegen den Abstieg spielte. Da gingen zwar (nur?) 2 Spitzenspieler. Aber nun findet man sich dieses Jahr wieder mitten im Abstiegskampf.

Wünschen wir Turbine, dass das Hoch noch lange anhält. Hoffentlich kann man die Gunst der Stunde nutzen. Man hätte sich allerdings vorstellen können, dass man die Gunst der Stunde im Hinblick auf Neuzugänge besser nutzt. Es waren auch ausserhalb der Grossfinanzclubs einige erstklassige Spielerinnen “auf dem Markt”, die Turbine wohl weitergebracht hätten. Es wäre Schade, wenn man sich hinterher vorwerfen müsste, eine historische Chance verpasst zu haben. Immerhin werden “Rückkehrer” Lia Wälti und Tori Schwalm und Caro Siems die individuelle Klasse im Team verbessern. Wobei man bei den “Jungen”, also letzterer und Gina Chmielinski sehen muss, wie weit die Entwicklung inzwischen vorangegangen ist. Aber in der Halle sah es schon sehr vielversprechend aus.

Nächste spannende Frage: Was macht Wolfsburg?

Da ist die Wahrscheinlichkeit einer Prognose vielleicht etwas besser, weil man dort im Gegensatz zu Potsdam seit Jahren das Gleiche sieht. Und damit die Wahrscheinlichkeit stark abnimmt, dass sich zufällig irgendetwas ändert. Gänzlich auszuschliessen ist es allerdings auch nicht. Hoffnung schöpfen kann man aus der Verpflichtung von Pernille Harder. Nach Ramona Bachmann, die nicht richtig integriert werden konnte, hatte man ja zuletzt auch im Sommer mit Sara Gunnarsdottir aus Rosengard einmal mehr messerscharf knapp vorbei gezielt. Eine sehr gute Spielerin zweifellos. Allerdings die Herausragende, die den Kader verstärken würde, scheint sie noch nicht zu sein, zumal da die Spielposition mit Spielerinnen mit ähnlicher Anlage wie Bussaglia und Bernauer bereits besetzt ist. Während unterdessen zum Beispiel Iva Landeka, die die Verstärkung hätte sein können, derweil von Jena nach Rosengard zog.

Harder allerdings ist ebenfalls eine personelle Verstärkung für den Kader. Und hat eine offensivere Idealposition. Von daher der vielleicht sogar beste Neuzugang seit dem ersten CL-Sieg, also in der Zeit des grossen Geldes. Zudem dürfte sie eher als Bachmann auch selber besser zur Integration beitragen können. Da ist allerdings die grosse und ebenfalls äusserst interessante Frage, inwieweit auch ihre Leistungsfähigkeit durch die fantasievolle Rollenverteilung im Wolfsburger Offensivspiel begrenzt werden kann.

Und Bayern?

Bei Bayerns professionaller PR-Arbeit weiss man ja über Familiengeschichten und Hobbies und insbesondere Sponsoren bestens Bescheid, aber es ist Schade, dass darüber die Informationen zum Stand von verletzten Spielerinnen, Lotzen, Iwabuchi, Romert, und jetzt Rolfö etwas untergehen. Oder bewegt man sich auch dort auf diesem Level, die gesundheitliche Entwicklung von Spielerinnen geheimzuhalten, um die Gegner dann wenigstens mit überraschenden Aufstellungsvarianten ins totale Chaos zu stürzen, weil man befürchtet, dass man es anders nicht hinbekommt?
Zumindest haben die Sommerneuzugänge scheinbar bisher eher dazu geführt, die eigenen Reihen als die der Gegner in Unordnung zu stürzen. Auch Friedolina Rolfö kann man sehr schätzen für taktisch kluges Mannschaftsspiel. Ob das allerdings die Individual-Bayern weiterbringt? Lena Lotzen in alter Verfassung wäre allerdings eine grosse Verstärkung.
Und so gilt für Bayern ebenfalls Daumendrücken und Hoffen, dass man taktisch vielleicht irgendwie wieder einen Zufallstreffer landet. Wahrscheinlichkeit gering, aber auch nicht ausgeschlossen. Es bleibt freilich spannend anzuschauen, inwieweit man sich ähnlich wie Wolfsburg suchend immer wieder annähert und entfernt von der Ideallösung.

Wobei die Annäherungsphasen bei Bayern bisher eher seltener zu beobachten sind. Man hat ja schon immer eine deutliche Tendenz zur Abwehrbollwerkbildung mit Hoffnung auf den Fussballgott gezeigt (wer erinnert sich nicht an die grosse Zerstörungsleistung im Spiel in Frankfurt). Und selbst in Vorbereitungsspielen gegen PSG und OL sozusagen schwerpunktmaessig Beton trainieren lassen. Da kommen die Offensivprobleme vielleicht nun nicht ganz von ungefähr, auch wenn man seit eben jener Verstopfungsschlacht eine leichte Trendwende erkennen konnte.
Wir werden sehen, ob eine Annäherung erkennbar sein wird. Allerdings hat man bei Bayern am wenigsten Sorge, dass Misserfolg schadet. Es scheint positiverweise in der Clubphilosophie verankert, und dankenswerterweise auch ein Zeichen der Wertschätzung des Frauenfussballs, dass man auch da solange weiterinvestiert, bis der Erfolg sich einstellt. Vielleicht sollte man also bei Bayern den Misserfolg gar nicht so negativ sehen?

Zum Artikel über den Abstiegskampf

 

Und nun also gleich eine Standortbestimmung im Spiel SC Freiburg – Bayern München.
Auch da das gleiche Bild. Bayern hat sich die seiner Meinung nach Besten aus Freiburg zugekauft, und könnte und wird das eventuell auch weiterhin mit Leichtigkeit. Während Freiburg mit Spielerinnen “auskommen” muss wie Clara Schöne, die in München keine Möglichkeit mehr hatte.
Auch da sehen wir ja interessante Versuche, den Fans irgendwie die 2 Punkte positiv zu verkaufen, die man nach der Vorrunde besser dasteht als Freiburg, wenn man sich 15 besserere  Spielerinnen “leistet”?

Was das Spiel anbelangt, so heisst es natürlich Daumendrücken, dass die Bayern einen Weg zurück zur alten Leistungsstärke gefunden haben. Leider hat das Freundschaftsspiel gegen Arsenal da noch nicht den Eindruck vermittelt. Eigenartigerweise fühlt man sich irgendwie unwohl, Spieler zu scharf zu kritisieren. Also benennt man bei Bayern nicht die individuellen Schwachpunkte, sondern erinnert noch einmal daran, dass Melanie Leupolz und Leonie Maier immer die zentralen Akteure waren für den Erfolg. Das merkt man fast noch stärker als erwartet, seit die beiden nicht mehr dabei bzw. im Vollbesitz ihrer Kräfte waren. Leupolz war durch ihre Athletik und gutes taktisches Positionsverhalten der zentrale Baustein für die Pressingüberlegenheit im Mittelfeld. Maier hat immer wieder entscheidende Aufbauarbeit über die rechte Flanke gegeben. Besonders in Spielen, wo das Mittelfeld zu kompakt war, um dort einen Durchbruch zu finden. Beides wurde bisher kaum zu ersetzen versucht, und man muss daher vielleicht fragen, wie da die Erkenntnislage ist. Im Gegenteil spielt der Rest oft noch immer so, als hätte man diese beiden Positionen in Topform dabei.

Bei Freiburg ist es natürlich schön, nach der langen Pause Kim Fellhauer wieder aktiv zu sehen. Vielleicht sogar schon in diesem Spiel? Hoffentlich kann sie an alte Zeiten anknüpfen. Aber auch das “alte” U17-Trio Giulia Gwinn, Klara Bühl und – vielleicht etwas weniger? – auch Janina Minge könnte bald die Liga aufmischen. Auf deren Entwicklung darf man gespannt sein. Kann Gwinn – ohnedies bereits besser als manch andere in der N11 nochmals zulegen? Und wie weit ist die jüngere Bühl in der Winterpause vorangekommen? Oder werden sie vielleicht unter der Spielanlage um Lina Magull in Freiburg leiden?
Und was macht Freiburgs Nachteil in der Athletik der Abwehr? Oder sehen wir nun modernes kompaktes Mittefeldpressing?

Lauern beide? Oder wer ergreift die Initiative? Es wird spannend …

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *