1.FFC Frankfurt – Turbine Potsdam 1:1 (1:1)

Vorgeschichte:

Das “Traditionsduell” im deutschen Frauenfussball schlechthin zwischen den beiden Vereinen, die zwischen 2000 und 2012 immerhin 12 lange Jahre die deutsche Meisterschaft unter sich ausmachten, bevor der VfL Wolfsburg 2013 und 2014 und Bayern München 2015 und 2016 sie ablösten. Die allerdings sind inzwischen auch nicht mehr an der Spitze der Liga. Denn Turbine Potsdam fand sich nach dem siebten Platz in der Vorsaison nun völlig überraschend als Herbstmeister wieder. Inwieweit diese gute Platzierung gehalten werden kann, muss sich nun in der Rückrunde zeigen. Frankfurt hatte als Ziel inzwischen nur noch Platz 3-5 ausgegeben und lag nach der Vorrunde auf 6.

Headline: Nichts hält ewig

Klar. Manches kommt einem zeitweise wie eine kleine Ewigkeit vor. So war das vielleicht auch mit der Vorherrschaft der beiden in der Frauen-Bundesliga. Aber auch das hielt nicht ewig. Vor kurzem waren die Spiele dieser beiden aber immer noch Spiele von 2 der “grossen 4”. Und man erinnert sich an manche heisse Gefechte. Nun aber backen beide eigentlich kleinere Brötchen. Selten jedenfalls sah man beim Duell dieser beiden so wenige aktuelle deutsche Nationalspielerinnen auf dem Platz. Felicitas Rauch für Turbine Potsdam und Kati Hendrich und Mandy Islacker für den FFC Frankfurt reisen mit zum SheBelieves Cup. Allerdings fehlten Svenja Huth und Tabea Kemme verletzt. Trotzdem: Da waren früher manchmal mehr Nationalspielerinnen selbst auf den Ersatzbänken der Teams zu finden.
Andererseits ist es gut zu sehen, wie dicht die durchschnittlichen Bundesligaspielerinnen inzwischen an das Top-Niveau herangerückt sind. Die Unterschiede fangen an zu verschmelzen. Auch mit ein Grund dafür, warum Turbine nun die Tabelle anführen kann. Ein wenig Glück im rechten Moment gehört auch dazu, und wenig Verletzungen. Aber hauptsächlich eine stimmige Aufgabenverteilung der Spielerinnen im Team, und der Verzicht darauf, den Mädels ständig die neuesten Männermode-Anzüge zu verpassen. Diesmal allerdings war im ersten Spiel der Rückrunde verständlicherweise noch ein wenig Sand im Getriebe. Entsprechend war so mancher Abschnitt des Spiels von noch deutlich schnelleren Ballbesitzwechseln geprägt als das TV-Spiel letzte Woche.

Auch dieses Spiel beschreibt man angesichts der wenigen Höhepunkte und wenig unterschiedlichen Spielgeschehens während der 90 Minuten wohl treffender mit einem Gesamtbild denn als chronologischem Ablauf der Ereignisse. Lediglich die engagierte Frankfurter Anfangsviertelstunde geriet etwas aus dem Bild, und das Spiel verlagerte sich mit zunehmender Spieldauer mehr in Richtung Frankfurter Hälfte. Ansonsten ähnelte das Gesamte sehr stark an die Partie Freiburg-Bayern aus der Vorwoche. Vor allem Frankfurt als der underdog hielt sich strikt an eine sehr vorsichtige Positionierung der eigenen Reihen mit dem Hauptaugenmerk, fast nie auch bei eigenem Ballbesitz die zahlenmaessige Überlegenheit hinter dem Ball zu riskieren. Und tat dies sehr engagiert, geschlossen und erfolgreich. Und so erinnert man sich wie letzte Woche auch kaum an einen Schuss auf das Tor, den eine der Keeperinnen zu halten gehabt hätte.
Allerdings an einige Flanken nach Standards in denen beide erneut einen sehr starken und souveränen Eindruck hinterliessen – Und damit den Zuschauern erneut die Frage aufdrängten, ob nicht auch zumindest auf dieser Position zu wenige  N11-Spielerinnen auf dem Feld standen. Es war wie beim letzten TV-Spiel ein Warten auf die nächste Standardsituation, die vor allem mit zunehmender Spieldauer die Höhepunkte ausmachten. Und vor allem von Turbine (mit Ausnahmen allerdings) meist auch gut gespielt wurden. Aber von Frankfurt auch viel besser verteidigt als letzte Woche, so dass es diesmal entsprechend weniger ein Durchkommen gab.

Es kam auch sehr selten zu gravierenden Fehlern wie in der Anfangsphase, als Frankfurt nach starkem Beginn per unnötiger gegenseitiger Behinderung in der Abwehr urplötzlich Turbine die erste grosse Chance des Spiels bescherte. Felicitas Rauch konnte allerdings leicht seitlich versetzt auf das Frankfurter Gehäuse zusteuern und hatte wohl nicht richtig wahrgenommen wie frei sie da plötzlich war. Blieb aussen anstatt direkt zum Tor zu ziehen und konzentrierte sich auf eine Vorlage in die Mitte. Da kam allerdings Zadrazil nicht aus dem Deckungsschatten von Bartusiak und so konnte diese den Ball aus kurzer Distanz über das eigene Tor klären. Nicht einfach. Da gab es auch oft schon Eigentore. Und der Ball darf auch nicht unglücklich über eine Platzunebenheit rollen. Gut gemacht.
Allerdings kam es dann auch zu einem unüblichen Fehler bei Turbine. Ausgerechnet in der Innenverteidigung bei Johanna Elsig, die sonst mit ihrer Art das Spiel zu lesen so viele vor allem hohe Bälle entschärft. Sie wurde diesmal beim Lesen von der eigenen Abwehr getäuscht. Vor der Strafraumkante wurde der Freistossball, der so lange aus dem Mittellinienbereich durch die Luft segelte, stark verschätzt. Störzel kam daher lesetechnisch tatsächlich überraschend unbehindert zum Kopfball. Und auch da ist die Bundesliga inzwischen eben immer besser besetzt. Die Kopfballtechnik von Störzel sehr gut. Das Auge für den Zielort auch. Und Elsig stand dann dafür nicht dicht genug in guter alter Manndeckermanier am Standort der Gegenspielerin. Also war Mandy Islacker mutterseelenalleine am Elfmeterpunkt vor Schmitz. Gute Technik. Ein Kontakt und der Ball liegt sofort wie er soll – zweiter Kontakt und drin. Für so etwas gibt es kaum bessere als Islacker. Schon war passiert, was eben auch irgendwann einmal passiert. Turbine hatte ein viel zu leichtes Gegentor zugelassen.

Dafür machte es Rauch später auf der anderen Seite besser als bei ihrem ersten Versuch. Auch da glänzend wie sie die eigentlich etwas zu weit geratene Flanke noch mit dem langen Bein gefühlvoll einstreicht. Wenig Mühe und Zeitverbrauch mit der Kontrolle – Kopf hoch. So würde man sich das von allen N11 Spielerinnen wünschen. Genauso wie dass die Fachleute die vielen Stimmungsfans darauf hinweisen, wie oft solche übersehenen Kleinigkeiten ein Spiel entscheiden, und wie selten Sprints mit dem Ball am Fuss über das halbe Spielfeld. Denn diesmal spielte Lia Wälti geschickt mit, sah die offene Lücke für den Flachpass vors Tor, den Rauch genau traf – und volendete aus kurzer Distanz. Immerhin also 2 von 2 kunstvolle Tore im Spiel.

Taktisches

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taktische Startformationen

Turbine konnte zumindest hinten auf das bewährte Spielermaterial zurückgreifen. Die 4er Kette – man hat sich schon so sehr an den Ausdruck gewohnt. Bei Turbine eigentlich wesentlich flexibler und selten eine so starre Kette wie bei vielen anderen – die 4 in der Abwehr also besser gesagt: Schmidt – Wesely – Elsig – Meister. Im Mittelfeld wie bereits gehabt mit oft wechselweise sehr tief fallenenden Spitzen aussen Aigbogun und Lindner und zentral Wälti und Kellond-Knight. Rauch spielte meist in vorderster Front und Zadrazil etwas versetzt dahinter.

Ziemlich spielgelgleich der 1.FFC Frankfurt mit Störzel – Priessen – Bartusiak – Hechler in der Abwehr. Im Mittelfeld Ogimi und Hendrich aussen und Groenen und Pawollek zentral. Davor Crnogorcevic und Islacker als Spitzen die aber auch immer wieder sehr weit hinten mit aushalfen.

Fazit und Ausblick

Frankfurt hat immerhin wenigstens zum Ende der finanzstarken Jahre auf den Wunsch mancher Fans reagiert und noch ein wenig mehr in den Aufbau einer besser aufgestellten Nachwuchsarbeit investiert, anstatt in Personalausgaben für noch eine Nationalspielerin mehr zu tätigen. Und das erweist sich nun auch langfristig als sehr gute Massnahme. Auch wenn man auf U-Ebene nicht an die Erfolge der grossen Nachwuchsclubs herankommt, so nutzt doch der Name als Anziehungsmagnet für einige ehrgeizige Talente aus dem Rhein-Main Gebiet und darüber hinaus.
Und dass das Niveau der jüngeren Fussballerinnen immer weiter steigt bestätigt sich auch dort einmal mehr. Die weitere Entwicklung wird auch in diesem Bereich hoffentlich interessant zu beobachten sein und wurden hier ja auch öfter schon beschrieben. Aber selbst wenn man Entsprechendes erwartet, war doch immer noch erstaunlich zu sehen, wie zum Beispiel die noch nicht voll austrainierte und eben erst ein paar Mal eingesetzte Frankfurter Nachwuchshoffnung Matuschewski mit Ball der guten und international wohlgeschätzten Elise Kellond-Knight ohne Ball davonzuziehen drohte. Was letztere zu einem gelbbekarteten Foul an Matuschewski Zwang.

Auch vor allem Janina Hechler und früher schon Saskia Mattheis haben gezeigt, dass die Frankfurter Nachwuchsspielerinnen ein besseres Niveau besitzen als befürchtet worden war, und Ausfälle der ersten Elf sogar relativ gut kompensieren. Die Gefahr, dass sich einmal einige routinierte Spielerinnen verletzten könnten, und man dann schnell nach hinten durchgereicht werden könnte, dürfte nun so ziemlich vom Tisch sein. Auch wenn man immer noch mehr vorsorgen sollte, wenn noch mehr “Alte” gehen.

Aber auch auf Mannschaftsebene macht Frankfurt sichtlich Fortschritte. Wer alles in 2016 auf der Position 6 eingesetzt wurde – wir haben ein wenig den Überblick verloren, obwohl der FFC ja so oft nicht mehr zu sehen war. Wir erinnern uns an Maroszan und Laudehr. Dann Schmidt und Garefrekes in der letzten Saison. Da auch Bartusiak und Störzel. Hendrich wohl auch?
So etwas darf man sicher als Experimentieren eines neu verantwortlichen Cheftrainers ansehen, der vorher Videoanalyst war. Neben sehr unterschiedlichen Leistungen für den Spielaufbau resultierte das oft in unzureichenden Absicherung des Raums vor der Abwehr im Defensivverband. Auch im Hinspiel herrschte dort noch ein Loch vor und Lise Munk spielte in einer Lauf-Position.
Aber schon in Den Spielen in Freiburg und München sah das besser aus. Frankfurt wirkte kompakt. Sicher gab es da auch wenig Schwung in der Offensive. Aber defensiv steht man gut. Spielte auch in Wolfsburg 0:0

Nun also wieder Jackie Groenen auf dieser 6er Position. Diesmal mit Tanja Pawollek. Auch das ohne die Probleme, die früher damit manchmal verbunden waren. Allerdings für einen Preis. Groenen ist auch eine sehr spielintelligente Spielerin und machte das positionell für ihren geringen Erfahrungsstand erwartungsgemaess extrem gut. Stopfte das meiste, das kam, positionell schon ausgezeichnet. In der Mitte ging für Turbine trotz Lia Wältis Versuchen so gut wie nichts. Allerdings gebührt der Verdienst auch der Tatsache, dass mit Tanja Pawollek auch eine innenverteidigungserfahrene Spielerin neben ihr Stand. Und dass Turbine schon wenig strapazierte.
Allerdings ist Groenens Stärke ja eigentlich eher das viele laufen und bearbeiten von Grossflächen und nicht des begrenzten Raums vor der Abwehr. Und es schwächt Frankfurts Spiel mit Ball schon sehr, wenn Groenen gezwungenermassen einen kleinen Aktionsradius einhalten muss.

Die Turbinen haben in diesem Spiel ihre neugewonnene Stärke bestätigen können. Leider aber nicht komplett. Gegen Frankfurt schafften zuletzt Wolfsburg, Freiburg und München zusammen in 3x90Minuten nur ein Tor, und das einmal mehr nur wg einer Spezialaktion von Vivianne Miedema. Da werden andere auch noch Schwierigkeiten haben. Allerdings ging dem Gegentor ein unüblicher Fehler des bisherigen Prunkstücks Innenverteidigung voraus. Das passiert im Verlauf einer Saison. Aber die Abwehr ist die Basis für den Turbine-Erfolg und viel hängt davon ab, ob das ein einmaliger Ausrutscher bleiben wird. Die andere(n) Hauptstützen Huth und Kemme hatte man nicht zur Verfügung, und auch das ist unersetzlich. Immerhin sprang die seltene Lia Wälti höchstpersönlich als Goalgetter ein. Auch unüblich – aber auf der positiv-Seite. Auch das wird wichtig bleiben gegen die Liga, die Turbine in der Rückrunde jetzt als grossen Gegner ansieht, gegen den noch mehr Aufwand nötig ist und gegen den ein Unentschieden schon als Erfolg gesehen wird. Frankfurt schenkte nicht so leicht Tore ab wie im ersten Spiel in Potsdam, und wie mancher andere Gegner in der Vorrunde. Damit muss man nun rechnen. Umso wichtiger wird sein, dass Svenja Huth die Gegner beschäftigt, zu Fehlern verleitet, und darauf lauert.

Leider konnte die Winterpause wohl nicht wie erhofft personell nachgebessert werden. So ist nun gleichwertiger Ersatz wohl nicht vorhanden. Schade, da waren viele gute Spielerinnen auch in der Winterpause unterwegs, mit denen man (und erst recht auch andere) einiges hätte versuchen können. Nur mal so ganz spontan und oberflächlich fällt einem ein, ob Stina Blackstenius in Montpellier wohl gut bezahlt wird? Meriame Terchoun und Ana Borges und Barbara Dunst sind auch bei Vereinen mit überschaubarem Personalbudget gelandet, wobei man bei letzterer noch sehen muss, wie weit sie kommt. Auch Maren Mjelde hat in diesem Winter gewechselt (zu Chelsea). Da wird aber vielleicht eher ein Pfund gerollt sein und ausserdem sähen vielleicht einige Honoratioren auch nicht alle Ehemaligen gerne wieder zurück. Das sind nur ein paar die einem spontan in den Sinn kämen und in England und Schweden war ja auch lange Pause. Nun heisst es aber, weiter das beste aus dem zu machen, was man hat. Auf Tori Schwalm hoffen, die allerdings bisher auch eine dieser vielen seltsamen langwierigen und geheimnisvollen Dauerverletzten der Liga geblieben ist. Dass Gina Chmielinski und Caro Siems noch gar keine Minuten bekommen haben, ist allerdings auch kein gutes Zeichen. Es war aber auch erst das erste Spiel, und ein Unentschieden in Frankfurt ist sicher kein Beinbruch. Vielleicht hat man sich inzwischen schon wieder fast zu sehr ans gewinnen gewöhnt. Aber nichts hält ewig.

Noten:

FFC Frankfurt

Schumann: 7.5
Packte einige Male bei Flanken energisch zu. Sonst nicht viel zu tun

Hechler: 6.5
Erneut sehr aufmerksame und solide Partie in der Defensive. Erfreulich

Priessen: 6.5
Wie für alle: Defensiv kaum gefordert und daher ohne Probleme.

Bartusiak: 6.5
War öfter am Brennpunkt. Spielaufbau wird nicht mehr ihr Schwerpunkt

Störzel: 6.5
Defensiv auch wenig gefordert und ok.

Hendrich: 7
Wirkte auf manche wie eine athletische Spielerin. Und das spricht sehr für sie.

Groenen: 7
Ungewohnt kleiner Aktionsradius aus taktischen Gründen. Dort sehr effektiv

Pawollek: 6
Auch sehr diszipliniert im Defensivverbund vor der Abwehr

Ogimi: 6
Spulte ihr Pensum routiniert ab. ok.

Crnogorcevic: 6
Fleissig wie immer. Offensiv kaum in Erscheinung

Islacker: 6.5
+0.5 weil trotz 90minütiger Meidung des Strafraums wieder ein Tor gelang


Turbine Potsdam:

Schmitz: 7.5
Ebenfalls sehr sicher bei Flanken. Ebenfalls sonst wenig beschäftigt

Schmidt: 6.5
Defensiv wenig gefordert und ok

Elsig: 6.5
Solide wie gewohnt ausser beim Tor. Wenig gefordert.

Wesely: 7
siehe Schiewe

Meister: 6
defensiv ok. Offensiv fast gar nicht dabei

Kellond-Knight: 6
Hat sich gut eingefügt und die Defensivaufgaben erfüllt

Wälti: 7.5
Zentrale Anspielstation wie immer und Torjägerin

Aigbogun: 6
Kann noch aktiver spielen.

Lindner: 6
Darf sich mehr zutrauen und mehr Initiative zeigen.

Rauch: 6.5
Hatte Hand und Fuss, was sie machte. Bloss zu selten.

Zadrazil: 6
Der fpr alle gültige Wiederspruch. Sehr fleissig aber wenig in Erscheinung


Links:

offizielle DFB-Daten:
dfb – offizielle Datenseite zu 1.FFC Frankfurt – Turbine Potsdam

Video:
Highlights auf dfb-tv:

 

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