dfb-Pokal: SC Freiburg – VfL Wolfsburg 1:2 n.V. (1:1)

Vorgeschichte:

Unglücklich gelaufen kann man vielleicht schon sagen, wenn in einem Halbfinale die beiden besseren und die beiden schwächeren Teams aufgelost werden. Zumindest für den SC Freiburg, der den stärksten Kontrahenten erwischte. Und das Halbfinale kannte man ja auch schon. 2016 und 2015 raus gegen den – VfL Wolfsburg, 2014 zur Abwechslung mal in Essen. Und 2013 auch gegen Wolfsburg. Allerdings durfte man sich über ein Heimspiel freuen und hatte bisher auch noch nicht übermaessig viel im Pokal leisten müssen. (Schwerpunkt daheim ein 2:0 gegen den 1.FFC Frankfurt). Der VfL Wolfsburg hatte immerhin in München gewonnen. Nun also das vierte Mal in 5 Jahren, dass die beiden sich im Halbfinale gegenüberstanden.

Headline: Fussball mit allem

Alles drin hier. Man könnte sich fast fragen: Warum eigentlich noch Bundesliga? Einfach immer nur Pokalspiele machen. Da geht was. Natürlich könnte man sich andererseits auch fragen, warum die Spiele im Pokal so viel stärker zeigen, dass eine Menge Herzblut mit reingehängt wird. Nicht nur weil nach Spielschluss die Reaktionen viel krasser ausfallen. Natürlich geht es ganz am Ende um den Finaleinzug. Um ein Spiel vor zig-tausend, das hat man als Frauenfussballerin auch nicht alle Tage. Aber man kann deshalb ja trotzdem die Bundesligaspiele mit dem gleichen Elan angehen. So stressig ist der Terminkalender zumindest für die meisten Spielerinnen dort auch wieder nicht.
Und wenn ein Trainer das hinbiegen könnte, dass er den Mädels klar macht, dass jedes verlorene Bundesliga Spiel das endgültige aus bedeutet, würden dort vielleicht auch viel mehr Pluspunkte eingefahren.
Und die Zuschauer werden bei so viel Engagement am Ende auch gerne einige Leerlaufphasen und Defizite vergessen. Insgesamt ein Beispiel, wie sehr die Spiele dann auch mitreissen und unterhalten können.

Spielverlauf

Das fiel schon direkt vom Anpfiff weg auf. Der SC Freiburg legte diesmal interessanterweise furios los wie selten (oder fast noch nie?) gesehen. Und Wolfsburg kam schon früh nur zu unreichendem Spielaufbau mit Langpässen, die aber meist sehr aufmerksam abgefangen wurden. In Hälfte 1 von Hälfte 1 schienen die Freiburgerinnen immer einen Schritt gedanklich voraus. Übertrieben gesagt, wie der Hase und der Igel. Immer, wenn eine Wolfsburger irgendwo den Ball haben wollte, schien oft schon eine Freiburgerin zuerst da gewesen zu sein.
Auch, wenn das kaum zu gefährlichen Strafraumeindringungen verhalf. Es gab aber einige Situationen, wo das Wolfsburger zu-spät-dran-sein zu Foulspiel führte. Direkte Freistoss-Versuche verfehlten zwar zunächst das Ziel. Aber dann fiel der Treffer äusserst ähnlich dem Gegentor, das sich Freiburg gegen die Bayern an selber Stelle zu Beginn des Jahres eingefangen hatte. Keine der einlaufenden Spielerinnen konnte den von der Seite zum Tor hin geschlagenen Freistoss-Ball berühren. Aber Torfrau Schult liess sich dazu verleiten, darauf fälschlicherweise zu spekulieren. Spekulationsmalheur wenn man dann zu spät kommt, wenn der Ball ohne weitere Berührung direkt ins lange Eck geht.

Und das war, um hier zur Abwechslung einmal nostalgisch den Kommentator-Klassiker einzuflechten, aufgrund der höheren Spielanteile dann auch zu diesem Zeitpunkt verdient.
Aber, ob es gut war für Freiburg? Schwer zu sagen, warum. Es hat etwas von professionellem Fussball auf hohem Niveau. Hat aber auch etwas von Vorsicht Falle. Jedenfalls kam Wolfsburg danach stärker auf. Vielleicht, weil ein Ruck durch die Mannschaft ging, weil den Spielerinnen klar wurde, so wird das nicht reichen. Vielleicht aber noch eher, weil die Freiburgerinnen nach der Führung ein wenig mehr auf Vorsicht und Zurückhaltung setzten, und nicht mehr ganz so kompromisslos nach vorne verteidigten. Jedenfalls gewann Wolfsburg langsam aber sicher Oberwasser. Nicht unbedingt schlagartig. Aber von Minute zu Minute immer ein wenig mehr.
Das setzte sich in Halbzeit zwei nahtlos fort. Freiburger Entlastungsangriffe wurden immer früher abgefangen. Wolfsburger Chancen wurden häufiger, und so fiel denn auch das aufgrund der Spielanteile zu diesem Zeitpunkt verdiente 1:1.
Sonst gewinnt man oft den Eindruck, da wird früh auf Genosse Zufall gesetzt in der Hoffnung, ein Abpraller wird uns schon irgendwie einmal vor die Füsse fallen. Hier war das aber in einen intensiven Kampf auf Biegen und Brechen eingebettet, in dem beide alles gaben, und die Freiburgerinnen sich teilweise aufopferungsvoll in die Schüsse warfen.
Und da nimmt man das dann weniger als Zufallsbespielung war, sondern mehr als nimmermüden Versuch, weiter unverdrossen die eine Lücke zu finden, und sei es eben dann durch einen Nachschuss.
53 Minuten waren da aber erst gespielt. Und während Freiburg den Hebel nun nicht mehr umgelegt bekam, hielt die Wolfsburger Überlegenheit an. Allerdings wurde auch da nicht mehr ganz so resolut aufs Gaspedal gedrückt. Das Unentschieden bedeutete ja auch nicht mehr das Aus.

Tessa Wullaert – im Gegensatz zu anderen Einwechslungen erneut ein wirklicher Zugewinn für das Spiel – bot sich dann noch die Hundertprozentige. Sollte nicht, kann aber passieren. Grätschte in eine Flanke und hatte im riesigen 7m breiten Tor aus 3m Entfernung nur die winzige Torfrau zu überwinden, die mitten im grossen Tor stand. Und schoss die prompt an. Da grätscht man in eine Flanke und denkt, man bekommt sowieso keinen sauberen Wunschkontakt hin. Also Mitte Tor anpeilen. Es wird sowieso genug nach links oder rechts daneben gehen. War nicht. Und Benkart so schnell angeschossen, dass alle Beteiligten im ersten Moment gar nicht wussten, wie, warum und weshalb der Ball nicht den Weg ins Tor gefunden hatte.

Sehr viele grosse Chancen gab es allerdings bis zum Ende nicht mehr. Beide waren ja auch nicht ausgeschieden – sondern in der Verlängerung.
Und Wolfsburg da weiter klar tonangebend. So kam, was den Spielanteilen nach kommen musste: Irgendwann war es dann doch passiert, und wir verbuchen auch das unter Qualität. Die mittlerweile müden Freiburgerinnen hatten das nämlich lange Zeit gut gemacht, aber irgendwann dann doch einmal zu oft und zu einfach die Tür offengelassen. Und da war Caro Hansen zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Danke für die Tür, durch mit dem Ball bis zur Grundlinie und sauber zurückgelegt. Das wars. Weil Freiburg nichts mehr zuzusetzen hatte, und es bei einigen Kontern mehr nach dem 1:3 roch als nach einer Freiburger Chance.
Das wars. Dachte man.
Aber es war schliesslich Pokal. Und die Freiburgerinnen wussten, mit dem Ergebnis würde man ausscheiden. Also den Mut der Verzweiflung ausgepackt. Oder was auch immer. In den letzten Minuten kam urplötzlich noch einmal ganz viel Luft in die Freiburger Aktionen. Der VfL Wolfsburger hatte seine Konter nicht zugemacht.
Unter anderem ein fulminanter Pfostenschuss sorgte für Hochspannung bis zum Ende. Da waren selbst die Wolfsburgerinnen platt und so müde, dass die Siegesfeierlichkeiten nur schwer in Schwung kamen. Freiburg aber war nach grossem Kampf endgültig raus. Vielleicht kann man die Energie nun irgendwie in die Bundesliga mit herüberziehen. Den Zuschauern wäre es zu gönnen. Genauso wie ein Pokalfinale, dass wenigstens ansatzweise ähnliche Werbung für den Sport darstellt.

Taktisches

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Startaufstellungen

Der VfL Wolfsburg startete mit Blässe – Fischer – Peter – Maritz in der 4er Kette. Davor Hansen und Dickenmann aussen, und Gunnarsdottir und vanEgmond zentral im Mittelfeld eher defensiv. Und weiter vorne Popp und Harder. Sagen wir 4-4-2? 4-2-3-1. 4-2-2-1-1. So eine Sache. Wie auch der SCFreiburg. Da mit 4er Abwehr: Lahr – Schiewe – Schöne – Simon. Im Mittelfeld Gwinn – Zehnder – Hegenauer – Starke. Und davor Magull und Kayikci. Und vor allem die 4 hinten hatten alle einen guten Tag erwischt. Und könnten damit Wolfsburg wieder ein Stück geholfen haben, ihre Problemzonen zu erkennen? Der VfL Harder, Hansen und Dickenmann konnte in vorderster Front nämlich oft aufmerksam und gut verteidigt werden. Und da die drei wie so oft nur eingeschränkte Unterstützung erhielten, reichte es hier auch nur ziemlich knapp, was sie produzieren konnten. Diesmal die zwei entscheidenden Szenen mit Hilfe von Hansen. Ansonsten sah man wieder, wo shopping angesagt ist. Aus dem zentralen Mittelfeld heraus konnte zum Angriffsspiel nicht viel beigetragen werden, wie auch über Offensivaktionen der Aussenverteidigerinnen. Aber man hat ja (hoffentlich) auch noch die Verletzten Goessling, Simic und Jakabfi. Und wenn Wullaert die drei einmal unterstützen darf, läuft es ja meist auch schon etwas flüssiger.

Wie das Spiel nach dem 1:0 für Freiburg langsam gekippt ist, war auch interessant zu sehen. Wie eine Wippe, auf die auf der einen Seite 2 Prozent mehr draufgepackt wird. Ganz langsam aber stetig immer weiter gekippt. Und nach dem 1:1 lag es wohl auch an den nachlassenden Freiburger Kräften. Da war die Arbeit von Kayikci und Magull vorne instrumental wichtig. Aber sie mussten sich zunehmend die Bälle von tief hinten mit abholen helfen als sich vorne füttern zu lassen. Das kostet Kraft. Und in der Mittelfeld-Zentrale war Hegenauer 110% gegangen – was bei Zehnder zur Zeit etwas fehlt – aber nun auch irgendwann müde geworden. Bei Freiburg schwanden also zentral immer mehr die Kräfte. Dafür wurde auf der Aussenbahn die athletische und eher läuferisch starke Sandra Starke herausgenommen, und die eigentlich alles-ausser-Flügelflitzerin Selina Wagner dort hin nach aussen beordert. Interessant zu sehen, wie sehr das gar keine positiven Effekte gebracht hat. Vielleicht hätte man also von Freiburger Seite gar nicht schlecht daran getan, hier den Balken im eigenen Team zu sehen, als sich darauf zu beschränken , den Span im Auge der Schiedsrichterin zu suchen. Frei nach dem fussballgöttlich überlieferten Zitat.

Fazit und Ausblick

Der VfL Wolfsburg hat also nun mit Pernille Harder endlich das erwartete und lang ersehnte Glückslos gezogen. War vielleicht ja einfach auch wahrscheinlichkeitstheoretisch irgendwann einmal wieder an der Zeit nach vielen suboptimalen Wechselkäufen. Mit ihr reicht die individuelle Überlegenheit ja sogar selbst über Olympique Lyon hinaus. Da ist es weniger wahrscheinlich, dass das Pokalfinale eine ähnlich enge Angelegenheit wird, wie letzte Saison. Die letzten Minuten gaben ja sogar zur Hoffnung Anlass, man findet nun endlich vielleicht auch doch noch die richtige Position für Alex Popp.
Über Hasret Kayikci, Giulia Gwinn, und Cinzia Zehnder gab es schon nach dem Spiel gegen Bayern zu schreiben. Kayikci machte das diesmal besser. Zeigte sich viel öfter, forderte den Ball, soweit die Beine trugen. Ähnliches gilt für Lina Magull. Problem in diesem Spiel? Sie haben eher wie Mittelfeldspielerinnen gewirkt, die man aber im Sturm aufstellte. Im Mittelfeld haben sie fleissig punkten können. Wenig als Stürmerin im gegnerischen Strafraum.
Auch die Leistung von Jobina Lahr war sehr schön zu sehen. Da hatte man sich immer gewundert, warum sie jahrelang so gar keine Minuten bekam (erst letzte Saison wieder), und zu Saisonbeginn war sie auch schon in Basel. Zwar nicht herausragend hier, aber doch immerhin so gut, dass nicht alle Nationalspielerinnen das gleiche Niveau besitzen. Und eigentlich auch eher für die Mitte geeignet?
Weiter eher besorgt schaut man nach Giulia Gwinn. Nicht nur, dass da leider keine fussballerische Weiterentwicklung zu beaobachten ist (sieht eher sogar schwächer aus als mit 16). Wie verantwortlich der Umgang nach der U17 mit ihr war, hatten wir schon gefragt. Frei nach dem Motto: Wenn man Profi ist, ist der Spass an der Sache nicht gefragt, da hat man zu funktionieren – Teenager oder nicht. Nun sah man sie gleich zwei Mal vermeintlich schwer getroffen oder zumindest schwer weinend am Boden liegen. Da erschien selbst die Teamkameradin etwas genervt. Mental gesund sah das nicht unbedingt aus.

Und auch das ist weiter dasselbe: Eigentlich hat Freiburg genug individuelle Qualität, um weiter vorne mitzumischen. Die Einzelspielerinnen mindestens so gut wie Turbine Potsdam. (Wo man sich ja nicht umsonst freut, dass dort ein Eckpfeiler wie Johanna Elsig nun 20 Minuten die Farben der N11 vertreten darf, während Freiburg beispielsweise die im Vergleich etabliertere Nationalspielerin Lena Petermann noch als 30Minuten Einwechselspielerin bringen kann).
Aber es scheint da nicht anders wie ja auch bei Wolfsburg zu sein. Wenn man mannschaftstaktisch und vom Zusammenspiel her nicht weiter vorankommt, braucht man eben noch bessere Einzelspielerinnen.

Spielerin des Spiels:

Caroline Hansen. Sonst ja nicht so sonderlich Fan vom Torschützen-Hype. Aber bei diesem Spiel auf insgesamt ausgeglichem guten Niveau waren die Tore wohl weniger das Produkt wer zufällig gerade zur Stelle war. Sondern wer die Qualität hatte, die wenigen Möglichkeiten zu Chancen zu nutzen. Obwohl ihr sonst nicht alles gelang. Und wie immer: Wenn der Zufallsgenerator in der Wolfsburger Aufstellung sie häufig genug an vorderste Front spült. Ihr Mittelfeldspiel war für eine Spielerin des Spiels dagegen eigentlich zu wenig.

Noten:

SC Freiburg

Benkart: 7
Wie immer souverän. Hatte aber auch keine grosse Rettungsaktion zu fahren

Lahr: 7.5
Aufmerksam gegen Dickenmann. Sehr ballsicher im Spielaufbau

Schiewe: 7.5
Tief stehen und Auge spielen sind ihre starken Seiten

Schöne: 8
Ohne Fehl und Tadel. In Hz.2 rief die 6er Position

Simon: 7.5
Defensiv aufmerksam und solange es ging auch viel Einsatz auch nach vorne

Zehender: 6
Sieht nach wie vor aus als ob etwas nicht stimmt.

Hegenauer: 6.5
Grundsolide Leistung gegen ein Top-Team.

Starke: 7
Auch gar nicht schlecht auf ihrer suboptimalen Position

Gwinn: 6.5
Immer noch Daumen drücken angesagt für das grosse Talent

Kayikci: 7
Wieder fleissig. Offensiv aber kaum in Erscheinung

Magull: 7
Interessant, was sie aus ihren Möglichkeiten macht und was nicht


VfL Wolfsburg:

Schult: 6
Aus dem Tor sollten die Mädels nun endlich lernen.

Blässe: 6.5
Gewohnt ok, wenn der Gegner den Ball hat

Fischer: 7
Zur Zeit wieder in einer guten Phase und der Ankerpunkt.

Peter: 6.5
Könnte mehr aus dem Schatten von Fischer treten

Maritz: 6.5
Ein steckengebliebenes Talent seit Jahren. Schade.

vanEgmond: 6
Solide. Hat sich gut eingefügt und die Defensivaufgaben erfüllt

Gunnarsdottir: 6.5
Wie Immer: Solide in der Defensivarbeit. Bei Ballbesitz ausbaufähig

Hansen: 7.5
Relativ häufig gestoppt. Aber die entscheidenden Aktionen gefahren.

Harder: 8
Immer noch der entscheidende Motor im Spiel nach vorne. Durazell-Harder.

Dickenmann: 6.5
Bemüht, aber weniger Akzente diesmal.

Popp: 5.5
Endlich auch hinten, und ab da gut.


Links:

offizielle DFB-Daten:
dfb – offizielle Datenseite zu SC Freiburg – VfL Wolfsburg

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