Turbine Potsdam – VfL Wolfsburg 1:3 (1:1)

Vorgeschichte:

Wieder einmal ein kleines Endspiel um die deutsche Frauenfussball-Meisterschaft in Potsdam. Das hatte es früher ja oft, zwischenzeitlich aber schon länger nicht mehr gegeben. Und Turbine Potsdam noch mit Meisterschaftschancen am viertletzten Spieltag. Aber ein Sieg war dafür Pflicht gewesen gegen einen VfL Wolfsburg, der in der Rückrunde endlich gefunden hatte, wonach man viele Jahre vergeblich gesucht hatte: Die uneingeschränkte Führungsrolle. Ohne dort bisher einen einzigen Verlustpunkt verbuchen zu müssen.

Headline: kleine Umstellungen – grosse Wirkung

Die Umstellungen beim VfL Wolfsburg seit Winter haben grosse Wirkung gezeigt. So ist das ja manchmal im Fussball, dass Mannschaften nicht wiederzuerkennen sind, wenn irgendwie die passenden Schrauben gefunden werden. Aber auch Turbine konnte das erneut unter Beweis stellen. Im Gegensatz zur jüngeren Vergangenheit greift seit Saisonbeginn ein Rädchen gut ins andere und der Leistungsabstand zu Wolfsburg konnte durchaus in Grenzen gehalten werden. Aber ein doppelter Nackenschlag nach der Halbzeit führte zu unkontrollierten, schlecht koordinierten und übermotivierten Ausgleichsbemühungen. Und während Turbine danach zu ungestüm anzurennen versuchte, war auf der anderen Seite noch mehr Sicherheit und Abgeklärtheit im Spiel der Wolfsburgerinnen. Die dabei zu vielen Grosschancen kamen, jedoch leichtsinnigerweise einiges liegen liessen.

Halbzeit1:
Bereits sehr früh nahm die Spielentwicklung eine entscheidende Wende. Wolfsburg war durch einen Foulelfmeter in Führung gegangen und Turbine musste diesen Schock erst einmal verkraften. Das war so früh zwar noch kein schwerer Wirkungstreffer bei Turbine, allerdings sehr wohl eine zusätzliche Sicherung für das Spiel der Wolfsburgerinnen. Damit wurde der Vorteil in Sachen Ballsicherheit noch deutlicher. Während sich bei Turbine über die ganze Spielzeit die kleinen Ungenauigkeiten als eines der grössten Mankos herausstellen sollte.
Doch langsam gelang es Turbine, verstärkt Initiative zu übernehmen, und man konnte auch gefährliche Angriffe vor das Wolfsburger Tor fahren. Jedoch bedurfte es einer Unachtsamkeit in der Wolfsburger Hintermannschaft, um zum Ausgleich zu kommen. Tabea Kemme machte das aber im Stil einer Klassestürmerin wie sie sich auf dem Weg zum Tor nicht mehr aufhalten liess und per Chip über Schult hinweg einnetzte.
Turbine hatte zwar auch sonst die ein- oder andere Gelegenheit. Aber die grösseren Beinahe-Tore gab es auf der Gegenseite. Potsdam konnte mit dem 1:1 zur Halbzeit vom Spielstand her zufrieden sein.

Halbzeit2:
In der zweiten Halbzeit war es dann zunächst sogar die Turbinen, die den Gegner in die eigene Hälfte zurückdrängen konnten und für einigen Wirbel im gegenerischen Strafraum sorgten. Allerdings fehlte es in dieser kurzen Phase ein wenig an Situationsglück, und einige herrenlose Bälle wollten einfach nicht günstig für eine Turbine fallen.
Wolfsburg blieb bei Kontern aber stets gefährlich. Wobei das 1:2 aber eher eine kalte Dusche nach einer Potsdamer Drangphase war. Auch dabei schlich sich ein kleiner Fehler zu viel bei den Turbinen ein. Die flache Hereingabe wurde nur blockiert statt entscheidend geklärt. Anna Blässe war zur Stelle und brauchte aus kurzer Distanz nur abzustauben. Das 1:3 war dafür eine umso schönere Einzelleistung von Tessa Wullaert. Im Mittelfeld an den Ball gekommen, zog sie noch an zwei Abwehrspielerinnen vorbei und ab mit dem Ball, unhaltbar unter die Latte.

Was dann kam war allerdings viel zu ungestüm von Potsdam. Im Bemühen um den Anschluss wurde wild nach vorne gerannt. Es ist aber für eine Mannschaft, die so überraschend um die Meisterschaft spielt vielleicht auch kein schlechtes Zeichen, dass das Herz da grösser ist als der Verstand. Schliesslich war auch ein Unentschieden zu wenig und somit nun noch 3 Tore nötig. Es war dann allerdings sehr glücklich, dass man da nicht härter dafür bestraft wurde und eine herbe Klatsche hinnehmen musste.
Das nächste Mal also bitte erst sammeln, wenn der Gegner soweiso nicht mehr allzu energisch attackiert, weil er eine zufriedenstellende Führung hat. Und dann erst geordnet versuchen, vielleicht ein Tor zurückzukommen; eines nach dem anderen. Wolfsburg versäumte es nämlich bis zum Schluss fast schon fahrlässig, den Sack zuzumachen. Und man hat schon Spiele gesehen, die dann nach einem Anschlusstreffer plötzlich noch einmal kippen. Nachdem es aber dazu nicht mehr kam, durfte der VfL Wolfsburg nach Spielende die so-gut-wie Meisterschaft feiern.

Taktisches

Grafik AFBL-TurbinePotsdam-VfL-Wolfsburg
taktische Startformation

Der VfL Wolfsburg startete mit Blässe – Fischer – Peter – Kerschowski in der 4er Kette. Davor Hansen und Wullaert aussen, und Gunnarsdottir und Popp zentral im Mittelfeld eher defensiv. Und weiter vorne Pajor und Harder. Das war je nach Sichtweise flexibel oder ungeordnet. Wurde aber insgesamt von den taktisch cleveren Spielerinnen immer wieder gut ausbalanciert. Nennen wir es 4-4-2?
Ganz ähnlich wie Turbine Potsdam. Da die 4er Abwehr: Schmidt – Wesely – Elsig – Siems. Im Mittelfeld Rauch und Aigbogun aussen. Zadrazil und Wälti zentral. Hinter den flexiblen Huth und Kemme. Auch 4-4-2. Mit Tendenz zum 4-2-3-1.

Turbine Potsdam hatte natürlich auch das Glück, relativ unverändert mit derselben Startformation durch die gesamte Saison spielen zu können. Dadurch konnte man auch in diesem Spiel wieder genau dieselben taktischen Schwerpunkte beobachten. Insbesondere die sehr vorwärtgerichtete und weireichende Positionierung der Innenverteidigerinnen Elsig und Wesely. Normalerweise ist das eine Stärke der Turbinen, was ja ein Blick auf die Anzahl der Gegentreffer der Saison unterstreicht. Diesmal fiel allerdings eher das Gegenteil ins Auge. Viele Details spielen da eine Rolle. Und wir analysieren das hier auch leider zeitlich nicht uneingeschränkt. Ansatzpunkte zur Beobachtung waren sicher, ob die Verteidigung nicht ganz so aufmerksam gespielt hat, wie in anderen Spielen. Vielleicht ein wenig. Hauptunterschied war aber wohl die Offensivabteilung des VfL Wolfsburg.
Die ist für den Turbine-Stil nämlich Gift, weil die relativ grossen Abstände, die Elsig und Wesely geben, gegen schwächere Gegner mit ihrem guten Stellungsspiel ausgeglichen werden. Das ging aber gegen diese Wolfsburger Angriffsformation ins Auge. Weil da die Offensivabteilung ebenfalls Freiräume clever erkennt, viel unterwegs ist, und auch technisch meist in der Lage, den Ball enger zu kontrollieren als der Rest der Liga.

Wolfsburg wäre für die Bundesliga zur Zeit unbedingt mit einer Defensivstrategie zu verteidigen. Nur wenn man Harder, Hansen und Co. vorne keinen Platz lässt, so dass diese nicht alleine durchkommen und Wolfsburg auf die Mithilfe und Kreativität weiterer Spielerinnen aus dem defensiven Bereich angewiesen ist, kann man die altbekannten Schwächen bei Wolfsburg ausnutzen.

Fazit und Ausblick

Turbine Potsdam hat trotz der Mankos insgesamt einen guten Eindruck hinterlassen und wohl das beste Fernsehspiel in dieser Saison gezeigt (zusammen mit dem in München). In dieser Verfassung hat man auch gegen Bayern durchaus gute Chancen, noch die Championleague-Teilnahme klarzumachen. Insofern war der 4:2 Sieg des alten Rivalen 1.FFC Frankfurt gegen Bayern vielleicht das wichtigste Ergebnis des Tages für Turbine. Denn dann geht es immer noch um die Chance für die nächste Saison noch die ein- oder andere Verstärkung zu holen, was mit CL wohl einiges leichter sein dürfte. Leider konnte das im Winter nicht realisiert werden, und so ist andererseits auch die Gefahr gegeben, nach einem nur mittleren Platz in der Rückrundentabelle am Ende doch mit relativ leeren Händen dazustehen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.
Dabei gehört auch Felicitas Rauch zu den Positionen, wo Verstärkung möglich wäre. Schön natürlich man bräuchte diese nicht von aussen zu holen, sondern “Feli” könnte noch eine Schippe drauflegen. Das spielerische Potential ist da. Allerdings ist gerade oft bei solchen Spielen auf Top-Niveau zu sehen, dass Laufbereitschaft und Siegeswillen im Bemühen 110% Leistung auf den Platz zu bringen, bei anderen noch stärker ausgeprägter zu sein scheinen.
Caroline Siems hat erwartungsgemaess zeigen können, dass sie fussballerisch zu den besten im Turbine-Dress zählt. Allerdings müssen gerade dann Fehler wie vor dem 1:2 abgestellt werden. Daher ist es nicht nur bei Turbine sinnvoll, jungen Spielerinnen bereits im Vorfeld ausreichend Spielpraxis zu verschaffen. Aus dort gemachten Fehlern kann man lernen, und es wird auch nicht sofort alles bestraft, bevor es dann in einem Spitzenspiel auf jede Kleinigkeit ankommt.
Bianca Schmidt tut leider immer noch in nicht wenigen Situationen fast beim Zuschauen weh. Sie war zwar noch nie die geschmeidigste Spielerin. Aber nun sieht es noch häufiger danach aus, als würde sie einige Bewegungen noch mehr einschränken, um Belastungen der Wirbelsäule aus dem Wege zu gehen. Wir haben jetzt schon lange darauf gewartet, dass es besser wird. Aber man sollte die Hoffnung nie aufgeben. Manchmal, aber eben nur manchmal ist es urplötzlich verschwunden. Ob sie ihrer Gesundheit aber derzeit selber einen Gefallen tut mit dem Fussballspielen – wir hoffen sehr, es schadet nicht.

Unabhängig von Platz 2 oder nicht wird Turbine aber mindestens noch ein, zwei, drei individuelle Verstärkungen brauchen, um auf Dauer gegen Wolfsburg und Bayern gegenhalten zu können. Vielleicht ist das auch aus dem eigenen Kader möglich. Tori Schwalm konnte kein einziges Spiel machen. Und über Gina Chmilienski hört man auch nichts. Interessant aber in dem Zusammenhang, dass trotz Einsatz von Lia Wälti in der Rückrunde (die auch eine gute Serie spielt) die Punktausbeute in der Vorrunde deutlich besser war. Auch das ist Fussball.

Bei Wolfsburg hat man nun also einige Handbremsen lose bekommen. Unglücklicherweise einige offensichtlich zu spät für Lyon. Aber zumindest solange bei Bayern noch die meisten festsitzen, wird das schon reichen, wenn man sie nicht wieder anzieht. Aber damit wird dann früher oder später hoffentlich der Rest der Liga wieder unter Zugzwang gesetzt. Vor allem sollte man sich gegen Wolfsburgs Offensive – oft in den Jahren zuvor die impersonifizierte Zahnlosigkeit – etwas einfallen lassen. Der Einfallsreichtum der Bundesliga-Taktiker in der Defensive war ja in der Vergangenheit meist deutlich grösser als der in der Offensive. Also hoffen wir. Nur so wäre wohl zu gewährleisten, dass Wolfsburg die Probleme in anderen Mannschaftsteilen auch angehen muss. Und ansonsten haben wir in der Rückrunde wohl seit Ewigkeiten keine verlustpunktfreie Halbserie in der Bundesliga gesehen. Und das wäre sicher wenig im Sinne der Liga.
Und dass das Pokalendspiel ähnlich spannend wird wie letztes Jahr, ist leider auch sehr unwahrscheinlich.

Spielerin des Spiels:

Tessa Wullaert. Da waren gleich mehrere Kandidatinnen. Nilla Fischer schon seit längerem wieder nicht nur auf dem Weg zur alten Stärke. Die gesamte Offensivabteilung des VfL sehr beweglich und eigentlich war niemand herauszupicken. Da allerdings Wullaerts Tor zum 1:3 schon das absolute Sahnehäubchen auf eine Partie war, die viele spielerisch gute Szenen hervorbrachte, nehmen wir sie. Das war dabei eigentlich der Style, den man von Ramona Bachmann früher öfter gesehen, und bei Wolfsburg erhofft hatte. Wir nehmen aber an, das Tessa Wullaert fortan in Wolfsburg nicht den Spitznamen Ramona verpasst bekommt.

Noten:

Turbine Potsdam

Schmitz: 7
Wenig Chancen zu glänzen

Schmidt: 7
Tritt manchmal gegen den Ball als würde der Rücken schmerzen

Elsig: 7
gewohnt ok. Aber auch kein Turm in der Schlacht

Wesely: 6.5
Ab und an kleine Problemchen

Siems: 6.5
Solide im Grossen und Ganzen. Aber -0.5 für das Tor

Wälti: 8
Sie im Mittelfeld mit dem Wolfsburger Sturm davor.

Zadrazil: 6.5
solide Zweikämpferin.

Aigbogun: 7
Diesmal sehr agil und laufstark.

Rauch: 6.5
Da ist immer noch mehr drin

Huth: 7.5
Immer ein Unruheherd

Kemme: 7.5
Waren noch Zeiten als sie immer wechselweise auf der Aussenbahn probiert wurde

 


VfL Wolfsburg:

Schult: 6
Oft, aber nicht immer ganz souverän.

Blässe: 6.5
Gewohnt ok, wenn der Gegner den Ball hat

Fischer: 7.5
Zur Zeit wieder in einer guten Phase und der Ankerpunkt.

Peter: 6.5
Solide. Aber konstant der Juniorpart neben Fischer

Kerschowski: 6.5
Defensiv ok.

Popp: 7
Immer Top-Zweikämpfe. Das hilft defensiv mehr als offensiv

Gunnarsdottir: 7
Wie Immer: Solide in der Defensivarbeit. Bei Ballbesitz ausbaufähig

Hansen: 8
solide mitgearbeitet defensiv. vorne vereinzelter als sonst gefährlich.

Harder: 8
müder werdend aber immer noch nie auszuschalten

Pajor: 8
enormer Fleiss gleicht spielerisches aus

Wullaert: 8
diesmal auch in Einzelaktion erfolgreich.


Links:

offizielle DFB-Daten:
dfb – offizielle Datenseite zu Turbine Potsdam – VfL Wolfsburg

Video:
Highlights auf dfb-tv:

 

 


 

 

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