2017 DFB-Cup Finale: VfL Wolfsburg – SC Sand 2:1

Situation:
Eine Neuauflage der Paarung aus dem Vorjahr. Allerdings unter etwas unterschiedlichen Voraussetzungen.
Damals war der VfL Wolfsburg nach einer von Ups- und Downs- geprägten Saison mit weitem Abstand hinter Bayern gerade noch Zweiter geworden – nur knapp vor dem 1.FFC Frankfurt . Dieses Jahr dagegen durch einen Höhenflug in der Rückrunde zum Meistertitel gedüst.
Der SC Sand hatte dagegen unter dem damaligen Trainer Fischinger letzte Saison zwischenzeitlich Höhenluft bis Platz 4 schnuppern können, und fiel erst in der Rückrunde, nachdem man sich nur noch auf den Pokal fokussiert hatte, zurück. Diese Saison dagegen kam man nie aus der unteren Hälfte heraus, und stand am Ende auf Platz 8.

Headline: Ein hartes Stück Arbeit
Bereits die letzten Spiele hatten gezeigt, dass die Kraftanstrengungen der letzten 3 Monate nicht spurlos am VfL Wolfsburg vorüber gegangen waren. Nach 9 Siegen zu Beginn der Rückrunde setzte es zum Schluss – nachdem die Meisterschaft in trockenen Tüchern war – noch die Niederlage beim SC Freiburg und das Unentschieden gegen den USV Jena.
Und in diesem Stil ging es auch hier für die Grünen weiter. Es war eine zähe Angelegenheit und ein hartes Stück Arbeit, bei dem man auch ein wenig auf das Glück des Tüchtigen bauen musste. Aber am Ende reichte es zu einem mühsamen 2:1, auch wenn sich der Motor zum Schluss nur noch auf 9 Zylindern mühsam und krächzend über die Ziellinie schleppen musste.

Was geschah auf dem Feld
Es passierte zunächst nicht viel auf dem Feld. Der SC Sand präsentierte sich als der erwartet robuste Gegner, auch wenn im Spiel nach vorne derzeit nicht mehr die Qualität der Vorsaison vorhanden ist. Dafür haben inzwischen alle Bundesligisten in der Defensive eine Qualitätsstufe erreicht, die auch den besten Teams das Durchkommen nicht leicht macht. Und darauf baute auch Sand. Es wurde aber nicht etwa nur der eigene Strafraum zugestellt. Sondern der Gegner wird bereits im Mittelfeld so energisch bearbeitet, dass die Stafetten, die bis zum Strafraum durchkommen, dann vollends ohne grosse Probleme von der Innenverteidigung aufgeräumt werden können.
Wenigstens Torhüterin Schlüter jedenfalls hatte so der Hitze vielleicht etwas Positives abgewinnen können. Hätte sie nämlich dieses Spiel im Winter gespielt, sie hätte sie sich wohl zusätzlich warm halten müssen.
Nur eimal in Halbzeit eins durfte sie einen Fernschuss von Pernille Harder entschärfen – nachdem die wieder einmal per Beinschuss an zwei Gegnerinnen vorbeigezogen war. Sonst war allerdings auch von der noch auffälligsten Offensiv-Akteurin auf Seiten des VfL Wolfsburg nicht sehr viel zu sehen. Sand dagegen hatte Wolfsburg nicht nur erstaunlich mühelos daran gehindert, wesentliche Torchancen herauszuspielen. Sondern wenn man von so etwas wie einem Chancenplus bis zur Halbzeit reden wollte, dann für den SC Sand. Die beste hatte vielleicht Verena Aschauer nach einem Freistoss, als sie gar nicht einmal sonderlich verdeckt an der Mauer vorbei angespielt wurde und einen Versuch aus ca 10 Metern, aber seitlich versetzt über das kurze Eck schoss.

Aber auch das war typisch für eine Mannschaft, der man den Kräfteverschleiss anmerkt. Wenn das mit dem Spielwitz und der Spielfreude einfach nicht mehr so wie gewünscht klappt, dann zwingt man sich eben eher langsam aber sicher doch noch einmal durch Einsatzbereitschaft und Disziplin nach vorne.
Und dann kann man zumindest die Angiffsbemühungen des Gegners früher abfangen und das Spielgeschehen mehr in die gegnerische Hälfte verlagern. Irgendwie muss man das Tor dann eben zu erzwingen versuchen. Frei nach dem Motto, wenn es gezielt nicht funktioniert, muss man den Ball eben möglichst häufig und lange in torgefährliche Räume spielen, bis es dann irgendwann passiert. Ein ungeschicktes Foul, ein abgefälschter Ball, ein Missverständinis, ein Ausrutscher. Freilich, manchmal ist es im Fussball so, dass dann scheinbar stundenlang nichts passieren will. Aber oft passiert es eben doch. Dass gleich beim ersten und einzigen Mal, als Schlüter beim Herauslaufen ein Fehler unterlief, der Ball im Netz zappelte, war aber dann schon auch ein wenig unglücklich für den SC Sand. Und als es 10 Minuten später den zweiten Kopfballtreffer von “Birne” Harder zu bejubeln gab – diesmal sauber herausgespielt – , schien Wolfsburg mehr als eindeutig auf der Siegerstrasse, das Spiel gelaufen, und der Unterhaltungslevel der Restspielzeit damit augenblicklich – trotz der Hitze – eher am Gefrierpunkt angelangt.
Aber im Fussball kommt es erstens oft anders und zweitens als man denkt.
Schlag auf Schlag schlug der Unterhaltungswert innerhalb kürzester Zeit zurück. Foul und Gelb für Popp. Fragwürdig – die Karte hätte sie im Verlauf des Spiels zuvor schon eher sehen können. Ihre Reaktion aber noch fragwürdiger – ein Vogel für die Schiri und Rot. Im Anschluss segelt der Ball in den Strafraum von Wolfsburg – Abseitsposition – aber ohne Eingriff der Spielerin? Auch fragwürdig. Und dann ein Schuss der vom Pfosten zurück zu Torhüterin Almut Schult und von da zurück ins Tor prallt.
Da war der gerade schockgefrorene Unterhaltungswert aber ganz schlagartig wieder aufgetaut. Dem VfL Wolfsburg lag allerdings fortan mehr an Kontrolle als am Unterhaltungswert. Verständlich. Und man kontrollierte das Spiel auch in der Folge mit nur noch 10 Spielerinnen relativ sicher. Und Sand konnte auch in Überzahl offensiv kaum in Erscheinung treten. Aber ganz zum Schluss gab es dann doch noch zwei letzte Aufreger als Schlussakkord. Erst reduzierte eine weitere gelbe Karte Wolfsburg noch auf 9 Spielerinnen, nachdem die Schiri zunächst übersehen hatte, dass Gunnarsdottir schon gelb gesehen hatte. Und dann doch noch einmal eine letzte Schusschance für Skorvankova. Nicht gut getroffen und kein Problem für Schult.

Aus und vorbei. 2:1 für Wolfsburg. Aber das Spiel war bis zur letzten Sekunde unterhaltsamer und eine bessere Werbung, als man eigentlich erwarten durfte.

Taktisches

Startformation DFB-Pokal-Endspiel SC-Sand-VfLWolfsburg 2:1
taktische Startformation

Der SC Sand spielte relativ ähnlich zur Vorsaison. Hinten mit Sandvej – Vetterlein – Caldwell – Savin. (Da hatte Zirnstein in der Innenverteidigung aufgehört und wurde durch Caldwell ersetzt) Im Mittelfeld die gleiche Doppel-6 aus Igwe und van Bonn. Dazu nun Aschauer und Feiersinger aussen. Die kamen neu für Vojtekova und Skorvankova. Und vorne Brunner und Damnjanovic wie im Jahr zuvor.

Aber schauen wir uns den VfL Wolfsburg an. Da blieb nicht viel. Keine der vorderen 4 Positionen war gleich(damals Bachmann, Jakabfi, Kerschowski und Popp(die beiden diesmal weiter hinten). Und keine der Doppel-6 (damals Bernauer und Goessling). Insgesamt also alle Positionen in Mittelfeld und Angriff anders besetzt. Und auch nur eine Innenverteidigerin. Wir erinnern uns an die vielversprechenden Auftritte der jungen Joelle Wedemayer vor Jahresfrist, die diese Saison leider nicht mehr zum Einsatz kam.
Aber die Aufstellung entsprach weitgehend dem, wie seit einiger Zeit in der Liga gehabt: Hinten also mit Blässe – Peter – Fischer – Kerschowski. Im Mittelfeld Gunnarsdottir defensiv, Popp zentral, rechts eher Hansen, links Wullaert, und davor Harder und Pajor.

Die Rollenverteilung war ebenfalls die Gleiche. Sand versuchte hinten dicht zu halten und vorne hauptsächlich über die wuchtige Damnjanovic durchzubrechen.

Aber Sands Offensivkraft war deutlich schwächer als vor Jahresfrist. Damnjanovic war lange verletzt und ist noch nicht wieder ganz auf dem Vorjahresniveau. Mit Skorvankova ist das entscheidende Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff ebenfalls nach Verletzungspause erst spät eingewechselt worden. Und Claire Savin ist eine entscheidende Kraft wenn sie viel freien Platz auf ihrem Flügel vor sich hat, in den sie ständig nachrückt. Wenn sie hauptsächlich defensiv agiert und man den Raum für sie eng macht, indem der Flügel vor ihr ständig besetzt bleibt, eher solider Durchschnitt.

Und so war der Angriff von Sand eher ein laues Lüftchen, und man hatte zu keiner Zeit so Recht das Gefühl, dass sich damit gegen diese Abwehr viel ausrichten lässt, ausser vielleicht einmal so ein zufällig-kurioses Pingpong-Tor wie beim Anschlusstreffer.

Dennoch wurde zum Glück – aus Sicht der Bundesliga – noch einmal unterstrichen, wie dicht das Feld aufgerückt ist. Wie auch schon das untere-Hälfte Team aus Jena gezeigt hat, bekommt Wolfsburg sofort wieder Probleme auch gegen durchschnittliche Mannschaften, sobald man auch nur einige Prozent weniger Leistung ins Spiel einbringt.
Dann ist der Hauptunterschied zu früher, dass die Bundesligaspielerinnen im Durchschnitt heute alle über eine sehr gute Athletik verfügen. Das macht es den Topspielerinnen schwer, da im 1-gegen-1 einfach vorbeizulaufen, ohne zumindest grössere Umwege und Verzögerungen in Kauf nehmen zu müssen. Und wenn es dann doch einmal vorkommt, dann ist die nächste schnell genug vor Ort um die nächste Hürde aufzustellen, bevor ein Angriff richtig ins rollen kommt.

Da reichen ein paar Prozent, wenn Caro Hansen etwas seltener auf dem rechten Flügel den Ball fordert und zu ihren Sololäufen ansetzt, Tessa Wullaert ihren Aktionsradius etwas mehr auf den linken Flügel einschränkt und Eva Pajor nicht mehr so flink in allen Gassen unterwegs ist wie in den Top-Spielen. Und auch bei Pernille Harder merkt man den Substanzverlust. Sie hat da vorne wohl die meisten Minuten gespielt, und ist dabei erst seit einem halben Jahr das wesentlich kräftezehrende Bundesliga-Niveau gewöhnt. Trotzdem auch im letzten Spiel noch einmal zwei Kopfballtore. Es besteht sogar die Hoffnung, dass nach dem Eingewöhnungshalbjahr sogar noch Steigerungtspotential vorhanden sein könnte.

Allerdings hat man auch gesehen, warum diese Sander Mannschaft, wenn alle fit sind, so gut in der Spitzengruppe der Liga mitzuhalten in der Lage war (letzte Saison) und immer noch wäre. Eine sehr solide Mannschaft ohne Schwachpunkte, defensiv kompakt und lediglich im Offensivbereich durch wesentliche Langzeitverletzungen gehandicapt. Schade allerdings, dass jetzt bereits aufgrund der Abgänge feststeht, dass der SC Sand nächste Saison mehr neue Gesichter aufbieten müsste als diese, sollte er noch einmal bis ins Pokalendspiel durchkommen.

Zusammenfassung und Ausblick

Zum Glück war es wieder ein Spiel mit einigem Unterhaltungswert. Und 17000 Zuschauer sind natürlich schon etwas. Zum Vergleich: In England waren es 34000? In Frankreich nur 7000. Aber das Stadion war eben auch nicht halbvoll. Zufrieden zurücklehnen solange kein grösseres Murren zu vernehmen ist? Oder aktiv weiter nach Verbesserungen suchen? Ein gut gefülltes 20000er Stadion wäre wohl zumindest stimmungsvoller. Ist aber natürlich auch die Frage, wieviele der Verantwortlichen überhaupt schon einmal ein gut gefülltes 20000er Stadion erlebt haben. Und ein Termin ausserhalb der Wahrnehmungsgrenze als Aufgalopp zum Männerfinale könnte eine grössere Medienwirksamkeit entfalten.
Allerdings ist man im Fussball gewohnt, dass Chancen eben auch vergeben werden. Und wer sagt überhaupt, dass es mit dem Frauenfussball weiter aufwärts gehen muss. Nicht nur die Zuschauerzahlen beim dfb-Finale sind seit einiger Zeit inzwischen jedenfalls nicht mehr aufwärts gegangen.

Und solange sich niemand beschwert, scheint man mit dem status quo zufrieden. Die Hoffnung allerdings, damit neue Fans für den Frauenfussball zuzugewinnen, scheint derzeit eher wenig realistisch. Auch die Bundesligaclubs zeigen kaum Initiative. Die vielerorts seit Jahren bzw Jahrzehnten unveränderten Managements sind meist eher froh, den Level irgendwie weiter aufrecht erhalten zu können. Vom erwarteten boom durch die Fernseh-Live-Übertragungen inklusive der damit kolportierten angeblichen Finanzspritze der Vereine wird schon lange nicht mehr geredet. Man wird sehen, wie es unter diesen Voraussetzungen weitergeht.

 

Spielerwertungen:

VfL Wolfsburg

Schult: 6.5
Mehr oder weniger beschäftigungslos

Blässe: 6.5
Hinten kaum gebraucht. Vorne kein wesentlicher Faktor

Fischer: 7
Wie zuletzt der Fixpunkt der Abwehr

Peter: 6.5
Zurückhaltend wie so oft

Kerschowski: 6.5
Siehe Blässe

Gunnarsdottir: 6
Solide Defensivarbeit.

Popp: 6
Defensiv ok. Offensiv kaum zu spüren

Hansen: 6.5
Auch seltener als gewohnt durchdringend

Wullaert: 6.5
Noch relativ lauffreudig und mit einem Assist

Harder: 8
Hat den entscheidenden Unterschied gemacht

Pajor: 6
Weniger unterwegs und daher kaum in Erscheinung


SC Sand:

Schlüter: 6
Der eine Ausflug zu viel eben. Sonst solide

Savin: 6
Solide.

Vetterlein: 7
Sichere Partie, aber ohne Glanzpunkte

Caldwell: 6
Defensiv ok. Spielaufbau ausbaufähig

Sandvej: 6.5
Recht stabil gegen Hansen.

Igwe: 7
Sehr stabiles defensives Mittelfeld bei Sand

van Bonn: 7
Sehr stabiles defensives Mittelfeld bei Sand

Feiersinger: 6
Auch noch nicht 100%. Kann mehr laufen

Aschauer: 6.5
Keine Athletin, aber aufopferungsvoll gelaufen

Damnjanovic: 7
Viel gerackert, aber auch noch nicht 100% Leistungsvermögen

Burger: 6
keine Konterspielerin. Dann bitte mehr fallenlassen


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